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Im Vorfeld der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Liberia werben die Kirchen aktiv für die Beteiligung aller wahlberechtigten BürgerInnen an den Wahlen.
Im Vorfeld der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Liberia, die im Oktober dieses Jahres stattfinden, setzt der lutherische Bischof Sumoward E. Harris alles daran, dass sich die Kirchen seines Landes aktiv für die Beteiligung aller wahlberechtigten BürgerInnen an den Wahlen engagieren.
In der Vergangenheit hätten die LiberianerInnen „die Macht, die sie durch die Abgabe ihrer Stimme erhalten, nie richtig und voll ausgeschöpft“, so Harris. „Durch Unwissen und Missbrauch“ sei es dazu gekommen, dass Wahlen, die ein sehr wichtiges und machtvolles Werkzeug darstellten, Liberia zu einem rückständigen, unterentwickelten und selbstzerstörerisch agierenden Land gemacht hätten. „Eigennutz, Machtgier, Reichtum und Vetternwirtschaft haben zu Blutvergießen geführt und dem souveränen Volk, von dem die Macht ausgeht, großes Leid zugefügt", betonte der Leiter der Lutherischen Kirche in Liberia (LCL), der zugleich Präsident des Liberianischen Rates der Kirchen (LCC) ist.
„Die Kirchen haben während der Krise aus ihren Erfahrungen gelernt“, erklärte Harris auf einem Informationsworkshop für WählerInnen, der Mitte Februar in der liberianischen Hauptstadt Monrovia stattfand. „Viele Politiker und Politikerinnen haben das Land verlassen, aber die Verantwortlichen in den Kirchen sind geblieben, um für ihre Gemeinden da zu sein, und haben zusammen mit ihnen gelitten. Genau wie leitende Vertreter und VertreterInnen anderer Religionen standen [sie] vor der schweren Aufgabe, ihren Gemeindemitgliedern zu dienen und ihnen zur Seite zu stehen", so der LCL-Bischof.
Knapp zwei Jahre sind vergangen, seit im August 2003 ein umfassendes Friedensabkommen zwischen den Krieg führenden Parteien in Lom* (Togo) unterzeichnet wurde, das den 14-jaehrigen Bürgerkrieg im Land beendete. In der Folge trat Präsident Charles Taylor von seinem Amt zurück und ging ins Exil nach Nigeria. Die Nationale Übergangsregierung Liberias (National Transitional Government of Liberia - NTGL) unter Vorsitz von Gyude Bryant, die sich aus ehemaligen Aufständischen, Mitgliedern der alten Regierung und VertreterInnen zivilgesellschaftlicher Gruppen zusammensetzt, erhielt ein auf zwei Jahre begrenztes Mandat, das im Oktober 2003 anlief. Ihr Auftrag ist es, die Anstrengungen zum Wiederaufbau des zerstoerten Landes zu koordinieren und Wahlen abzuhalten.
Aufruf an internationale Gemeinschaft zur Unterstützung des Wahlprozesses
„[Wir] haben beschlossen, uns voll am Wahlprozess zu beteiligen, indem wir mit der Nationalen Wahlkommission (NEC) zusammenarbeiten und Pfarrer sowie Pfarrerinnen, Laienführer und Laienführerinnen, Mitglieder unserer Gemeinden und andere darauf vorbereiten, sich umfassend an bevorstehenden Wahlen zu beteiligen", erklärte Harris.
Im Namen des LCC forderte er die Übergangsregierung nachdrücklich dazu auf, "alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die NEC die notwendige Unterstützung erhält, um die Bevölkerung Liberias auf die Abhaltung freier, gerechter und transparenter Wahlen vorzubereiten." Er appellierte auch an die internationale Gemeinschaft unter der Leitung der Vereinten Nationen, der NEC und dem liberianischen Volk die dafür erforderliche finanzielle, materielle und logistische Unterstützung zu gewähren.
Gute Regierungsführung, so Harris, beginne mit der ordnungsgemäßen Eintragung der WählerInnen ins Wählerverzeichnis, der staatsbürgerlichen Erziehung zur Verantwortung und der Aufklärung der BürgerInnen über ihr Wahlrecht und die ihnen dadurch zuwachsende Macht. „[Sie] beginnt auch damit, dass die BuergerInnen sich weigern, ihre Stimme für Reis oder Geld oder für falsche und leere Versprechungen auf zukünftige Posten zu verkaufen. [Sie] beginnt damit, dass die Bevölkerung andere kompetente Buerger und Bürgerinnen ins Amt wählt, die Liberia über alles lieben und bereit sind, ihr Bestes für das gemeinsame Wohl aller zu geben", fügte er hinzu.
Laut Harris besteht ein Glaubwürdigkeitstest für die bevorstehenden Wahlen darin, dass die Übergangsregierung mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft sicherstellt, dass die Binnenvertriebenen, die zur Rückkehr in ihre Heimat bereit sind, die notwendige Unterstützung erhalten, einschließlich der Bereitstellung von Baumaterialien, Transport, sauberem Trinkwasser, medizinischer Grundversorgung und Schulbildung.
Anlässlich des Besuchs einer hochrangigen Delegation des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Liberia, deren Gastgeber die LCL im Februar war, brachte Harris ähnliche Anliegen vor. Er appellierte an die leitenden VertreterInnen des LWB, dem seine Kirche seit 1966 angehört, „als ,good will-Botschafter' Liberias die internationale Gemeinschaft zur Unterstützung fuer den Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten westafrikanischen Landes aufzurufen". In Liberia leben mehr als 300.000 Menschen in Flüchtlingslagern, von denen einige von der LWB-Abteilung fuer Weltdienst (AWD) betreut werden. Harris rief dazu auf, den Schwerpunkt auf Wiedereingliederungsprogramme für Jugendliche zu legen, da 80 Prozent der Kämpfenden in dem 14-jaehrigen Konflikt junge Menschen gewesen seien.
Liberias Stabilitt hat Auswirkungen auf das benachbarte Sierra Leone
Die LWB-Delegation besuchte auch das benachbarte Sierra Leone, wo der von 1991 bis 2002 herrschende Buergerkrieg zwischen der Regierung und den Rebellentruppen Zehntausende Menschen das Leben gekostet und mehr als zwei Millionen Menschen - über ein Drittel der Bevölkerung des Landes - zu Binnenvertriebenen und Flüchtlingen gemacht hatte. Seit den Wahlen 2002 ist wieder relativer Friede eingekehrt und die Regierung konnte ihre Position zunehmend festigen. Der allmähliche Abzug der UN-Friedenstruppen im letzten Jahr sowie Anfang 2005, die beunruhigenden politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Guinea und die Sicherheitslage im benachbarten Liberia bergen für die allgemeine Stabilität des Landes jedoch Risiken.
In der Nähe von Freetown (Sierra Leone) besuchte die LWB-Delegation ein Lager, in dem rund 7.000 verstümmelte Flüchtlinge und Binnenvertriebene aus Liberia und Sierra Leone leben. Viele von ihnen sind für immer gezeichnet von den Folgen der Taktik der Rebellengruppen im Kampf um die Kontrolle über die Hauptstadt. Diese ließen zur Abschreckung ZivilistInnen Gliedmassen abzuhacken. Über das Programm der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sierra Leone (ELCSL) und das dortige AWD-Programm helfen LWB-Partner, einschließlich der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELKA), bei der Wiederansiedlung von Familien und der Schaffung von Einkommen schaffenden Projekten, wie Bäckereien und Handwerksbetrieben. Andere Hilfsprojekte sorgen für die Bereitstellung von Trinkwasser und den Aufbau von Krankenstationen und Schulen.
Allerdings gibt es in Sierra Leone auch noch andere drängende Probleme. "Der Krieg ist vorbei, die Wahlen haben stattgefunden, aber wir haben immer noch einen sehr mächtigen Feind - HIV/AIDS", erklärt ELCSL-Bischof Pfr. Thomas J. Barnett. Er verwies auf die bewußtseinsbildende Arbeit, die die Kirche mit grossem Engagement leiste, um die Menschen darüber aufzuklären, wie das HI-Virus übertragen wird.
Es gibt jedoch auch positive Zeichen. Zwischen ChristInnen und MuslimInnen in Sierra Leone bestünden sehr gute Beziehungen - das sei eine Tatsache, hebt Barnett hervor. Der ELCSL-Bischof ist auch Präsident des Interreligiösen Rates von Sierra Leone (IRCSL), der als Vermittler im Friedensprozess eine wichtige Rolle gespielt hat. Der IRCSL unterstützt auch weiterhin den interreligiösen Dialog und verschiedene andere Aktivitäten zur Stärkung des friedlichen Zusammenlebens.
(Ein Beitrag von LWI-Korrespondent Philip Sandi aus Monrovia, Liberia.)