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EMW-Jahresbericht 2010/2011: "Populär und prosperierend - Zur pfingstkirchlich-charismatischen Dynamik in Afrika"
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Erinnerungsfest das erste ökumenische Großereignis in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg im Sauerland
Grenzenlos im Sauerland
Es war das erste ökumenische Großereignis in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – und sein 50-jähriges Jubiläum wäre wahrscheinlich vergessen worden. Aber mit einem Festival und Kongress erinnerte die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck daran, dass im südlichen Sauerland 1952 die 5. Weltmissionskonferenz stattfand. KLAUS SCHÄFER über "Willingen 1952" und Willingen 50 Jahre danach.
"Wo liegt Willingen eigentlich? Wir können diesen Ort in unseren Atlanten und Landkarten nicht finden." Es war im Jahr 1951, als der Generalsekretär des Internationalen Missionsrates aus New York diese Frage in einem Brief an Walter Freytag, damals Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Missionsrates in Hamburg, stellte. Auch heute, 50 Jahre später, wiederholten viele Leute in kirchlichen Kreisen inner- und außerhalb Deutschlands diese Frage, als sie von der Idee hörten, in Willingen ein großes Missionsfestival und eine Konferenz zu Fragen der Mission zu veranstalten. Willingen ist nicht mehr so klein wie damals, unter Fans des Skispringens sogar berühmt und bei Touristen aus dem Ruhrgebiet beliebt, aber es liegt immer noch etwas abseits im Sauerland.
Auf eigentümlichen Wegen, vor allem dank eines rührigen Tourismusvereins und eines energischen Bürgermeisters, wurde Willingen im Jahre 1952 Ort der ersten und einzigen Weltmissionskonferenz, die auf Einladung des Internationalen Missionsrates und später des Ökumenischen Rates der Kirchen in Deutschland stattgefunden hatte. 181 offizielle Delegierte und zahlreiche Gäste aus vielen Ländern der Welt – aus Indien und Burma, aus Ghana und Äthiopien, aus den USA und England, aus Indonesien und Südafrika, um nur einige Länder zu nennen – kamen im Juli 1952 im damals noch verschlafenen Städtchen im Waldecker Upland zusammen und verwandelten den kleinen Ort für zwei Wochen in ein multikulturelles Zentrum, das Deutschland in jener Zeit noch nicht gesehen hatte.
Als die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck für den 16.–20. August 2002 zu Jubiläumsveranstaltungen zur Erinnerung an diese Konferenz nach Willingen einlud, ging es gewiss auch um die Erinnerung an jene Zeit und die Frage, was diese Weltkonferenz zu Fragen der Mission für den Ort und die Menschen von Willingen bedeutete. So war selbstverständlich, dass in humorvoller und nachdenklicher Weise die Vergangenheit wieder lebendig wurde – durch Fotos, durch Zitate aus der Korrespondenz jener Jahre, durch Zeitungsartikel und Befragung von Zeitzeugen, die damals dabei waren. Sichtlich gerührt war die inzwischen 78-jährige Inderin Elisabeth Palmer, die als Jugenddelegierte in Willingen dabei war – sie war damals in ihrer fröhlichen Art der "darling" der Jugend des Ortes – und jetzt vieler Menschen aus Willingen, die sich gut an sie erinnern konnten.
Aber nicht nur um einen Blick in die Vergangenheit ging es der Kirche und der politischen Gemeinde Willingen, sondern auch um eine Beschäftigung mit den Ergebnissen und Auswirkungen dieser Weltmissionskonferenz für das Verständnis der Mission, und nicht zuletzt auch um die Frage nach dem missionarischen Auftrag heute. Thematisiert wurde dies zunächst in einem Missionsfestival, bei dem durch Informationsstände, Interviews mit Repräsentanten aus Partnerkirchen, Missionstheologinnen und –theologinnen, Gesprächsangebote in Workshops, Musik aus Afrika und anderen Regionen der Welt und manche andere Aktivitäten Einblicke in die missionarische Praxis von heute gegeben wurde. Auch die Beschäftigung mit Problemen und Konflikten kam dabei nicht zu kurz, wie etwa eine mit Christen und Muslimen besetzte Podiumsdiskussion zu Fragen von Mission und Gewalt, Mission und interreligiösen Zusammenleben, dokumentierte.
Im Festgottesdienst in der überfüllten Kirche von Willingen sprach Konrad Raiser, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, vom Dienst an der Versöhnung, zu der Mission gerade in Zeiten globaler und lokaler Konflikte aufgerufen sei. In den Vorträgen und Diskussionen der anschließenden Konferenz, an der 150 Personen aus vielen Ländern teilnahm, wurde dann das Nachdenken über den missionarischen Auftrag der Kirche heute vertieft. Leitbegriffe dabei waren zum einen das Stichwort "grenzenlos/boundless", das so etwas wie ein thematischer Slogan für alle Veranstaltungen war und Raum für allerlei Assoziationen – von der Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes bis hin zur Grenzenlosigkeit des kirchlich-missionarischen Engagements. Zum anderen ging es um eine Beschäftigung mit der von Willingen 1952 ausgehenden Einsicht, dass Mission nicht zuerst Sache der Menschen ist, sondern dass Gott selbst ein missionarischer Gott ist, der seine Kirche mitnimmt auf seinem Weg zu den Menschen zur Heilung der Welt.
Im Nachspüren dieser Mission Gottes führten die Referate dann unter anderem auf wichtige theologische Grundfragen zur Mission, aber auch zu den wirtschaftlichen und politischen Problemen der Menschen in Afrika; sie führten auf die Müllhalden Lateinamerikas, zu den marginalisierten Bevölkerungsgruppen – dem minjung – in Korea, in die Probleme Afrikas, aber auch in die Besinnung auf das Geheimnis der Liebe Gottes, das im Vollzug der Mission der Kirche in dieser Welt als Einladung zur Gottesfreundschaft zur Darstellung kommen soll.
Sehr vielfältig also waren die Aspekte, die in dieser Konferenz von Missionswissenschaftlern aus Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika angesprochen wurden. Vielfältig waren auch die Erfahrungen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Gesprächsgruppen im Blick auf ihr eigenes Engagement in der Teilnahme an der Mission Gottes thematisierten. Wie damals in Willingen konnte man in der kurzen Zeit manche Fragen – etwa das immer noch kontrovers diskutierte Verhältnis von interreligiösem Dialog und Mission oder die Auseinandersetzung mit dem besonders aus Korea kommenden "Wohlstandsevangelium" – nur anreißen. Aber es war doch bemerkenswert, dass die Konferenz interessiert war, die scharfen Kontroversen, die etwa früher zwischen evangelikaler und ökumenischer Missionstheologie herrschten, hinter sich zu lassen. Dass die Atmosphäre der Konferenz so positiv war, lag aber nicht daran, dass es keine Meinungsverschiedenheiten oder keine unterschiedlichen Akzentsetzungen – etwa im Blick auf die politischen Dimensionen der Mission – gab, sondern dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ganz an der Sache orientiert waren: Zu erkennen, was es heute heißt, mit der Mission Gottes Schritt zu halten.
Pfarrer Dr. Klaus Schäfer ist Grundsatzreferent im Evangelischen Missionswerk in Deutschland