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EMW-Jahresbericht 2010/2011: "Populär und prosperierend - Zur pfingstkirchlich-charismatischen Dynamik in Afrika"
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In Norddeutschland lebende afrikanische Christen besuchen erstmalig einen Fortbildungskurs der Missionsakademie
Fast 300.000 Afrikaner und Afrikanerinnen leben in Deutschland, unter ihnen eine große Zahl von Christen. Viele von ihnen haben sich in Gemeinden organisiert. Für ihre Gemeindeleiterinnen und -leiter gibt es seit kurzem als Pilotprojekt ein theologisches Fortbildungsprogramm.
Sie leben und arbeiten bei uns, aber wir nehmen sie meist nicht wahr: die vielen afrikanisch-stämmigen Menschen, die hier bleiben möchten, oder als Flüchtlinge auf eine Besserung der Situation in ihren Heimatländern hoffen, um bald wieder heimkehren zu können. Vielen afrikanischen Christinnen und Christen in Deutschland ist "ihre" Religionsgemeinschaft Lebensmittelpunkt, der Ort, an dem sie die aus der Heimat mitgebrachten religiösen Traditionen pflegen. Die Prediger und Predigerinnen dieser methodistischen, presbyterianischen, baptistischen, charismatischen oder pfingstlichen Gemeinden sind nur ausnahmsweise akademisch gebildete Theologen, sondern Laien, die sonst einen ganz anderen Beruf ausüben. Sie feiern Gottesdienste und halten Bibelstunden an Orten, wo Deutsche kaum eine Kirche vermuten: in Lagerhallen, auf Dachböden, ehemaligen Geschäftsräumen. Manchmal sind sie auch in deutschen Gemeinden zu Gast. Kontakte zu Ortsgemeinden bestehen eher selten, und auch untereinander kennen sich die Afrikaner nicht immer.
Immer wieder haben in der Vergangenheit Kirchenführer aus Afrika ihre Partner in deutschen Missionswerken gefragt: "Was tut ihr und deutsche Kirchen für afrikanische Christen in Deutschland?" Auch die die Neubürger selbst wandten sich an Ortsgemeinden oder kirchliche Organisationen mit der Bitte um Materialien oder um Hinweise, wo sie eine Ausbildung für ihre gemeindlichen Aufgaben finden können.
Nach einer vorbereitenden Phase von fast zwei Jahren wurde ein Kursprogramm für afrikanische Gemeindeleiterinnen und -leiter in (Nord-) Deutschland (African Theological Training in Germany, ATTiG) geschaffen. Gemeinsam entwickelt und durchgeführt wird es als zunächst auf zwei Jahre begrenztes Pilotprojekt unter Federführung der Missionsakademie in Hamburg von Mitarbeitenden des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland (EMW), des Nordelbischen Missionszentrums (Hamburg), der Norddeutschen Mission (Bremen), der theologischen Fakultät der Universität in Hamburg, dem Ökumene-Referat der Nordelbisch-Lutherischen Kirche und, last but not least, von Vertretern des Rates Afrikanischer Kirchen in Hamburg.
Siebzehn Männer und fünf Frauen aus Ghana, Nigeria und der Elfenbeinküste, die in Hamburg, Bremen, Berlin und Lübeck Gemeinden leiten, haben sich seit September 2001 an zehn Wochenenden in der Missionsakademie getroffen. Bis auf eine Person nehmen alle am zweiten Jahresprogramm teil, das im Juni 2003 mit einem feierlichen Gottesdienst zu Ende gehen wird. An den Wochenenden arbeiten sie zusammen mit Professoren und Dozenten der Universität, mit Vertretern kirchlicher Facheinrichtungen, von Missionswerken und Freikirchen an biblischen Texten, an kirchengeschichtlichen und aktuellen Themen und behandeln vor allem Sachfragen, denen sie in ihrer Praxis begegnen. Es wird oft in Arbeitsgruppen gemeinsam gearbeitet und miteinander diskutiert. Alle Teilnehmenden halten sich legal in Deutschland auf und werden voraussichtlich noch einige Zeit - oder für immer - hier leben. Ihre Vorbildung ist so unterschiedlich wie ihre theologischen Überzeugungen.
Im höchsten Maße aufmerksam nehmen die Studierenden alles auf, anfangs mit Zurückhaltung, dann mit wachsendem Interesse. Sie lassen erkennen, dass der Umgang mit biblischen Texten ihnen nicht fremd ist, lernen allerdings auch, dass es unterschiedliche Zugänge zu deren Verstehen gibt. "Dieses Interesse vermisse ich manchmal an der Universität", erklärte eine Professorin nach ihrer Vorlesung. Die jungen Leute nehmen ihrerseits kein Blatt vor den Mund und erklären den Lehrstuhl-Inhabern schon mal, wo ihrer Meinung nach andere theologische Akzente gesetzt werden müssten. Als einmal das Thema "feministische Theologie" zur Sprache kam, hatten die Afrikaner kaum Verständnis für die Äußerungen der deutschen Dozentinnen.
Aber auch untereinander sind sich die Studierenden nicht immer einig, zu unterschiedlich sind ihre Positionen, wie es sich beim Thema "Taufe" zeigte. Während einige meinten, Kindertaufe oder Glaubenstaufe sei eine persönliche Ansichtssache, ist ein anderer bereit "so wie in der Reformationszeit für die Erwachsenentaufe zu sterben". Ein Teilnehmer bekannte, Wiedertäufer zu sein. Diese Art der Diskussion helfe den Teilnehmenden, den eigenen theologischen Standpunkt zu klären und im Verhältnis zu anderen "Wahrheiten" zu sehen, erklärt Dr. Lothar Engel, Mitinitiator des Pilot-Projektes, im EMW als Afrikareferent tätig und für die Förderung theologische Ausbildungsprojekte in Übersee zuständig.
Mit großer Selbstverständlichkeit zitieren die Teilnehmenden Bibelvers um Bibelvers, und die manchmal erhitzten Diskussionen geraten zu einem Austausch von Bibelzitaten. Immer wieder werden die Kommentare zu feurigen Predigten. Dann mahnen die Lehrenden "Eine Vorlesung ist keine Predigt!" oder "Ein Seminar ist kein Gottesdienst!", eine Sicht, die den meisten afrikanischen Anwesenden fremd ist und die Dozenten "verdächtig" macht. Eine große Befürchtung mancher Teilnehmenden des Kurses ist, dass "die Professoren womöglich keine 'echten' Christen" seien. Und nicht bei allen Lehrenden finden die Hörenden die "reine Lehre" oder das, was sie - individuell höchst unterschiedlich - dafür halten.
Regelmäßige Gebete und gemeinsam gesungene Choräle sind für die Studierenden wichtige Bestandteile der Veranstaltungen. Die jungen Leute, die aus einer Gruppe von 30 Bewerberinnen und Bewerbern ausgesucht worden sind, seien allesamt froh, den Kurs besuchen zu dürfen. Bis zur Halbzeit ist noch keiner abgesprungen. "Danke, Herr, dass ich an diesem Kurs teilnehmen und dein Wort studieren darf", habe einer der Gemeindeleiter gebetet.
Die Art des Umgangs mit der Bibel, wie er an deutschen Hochschulen üblich und von den Dozenten des "ATTiG"- Programms praktiziert wird, ist für fast alle Teilnehmenden neu. Inwieweit zum Beispiel historisch-kritische Exegese später in den Gemeinden eingeführt werde, sei noch nicht erkennbar, meint Pfarrer Andreas Heuser, Studienleiter der Missionsakademie. Grundsätzlich fühlen sich die meisten Studierenden nicht nur ihrer Gemeinde verpflichtet, sondern sie möchten auch in Deutschland missionarisch tätig sein. Ihre neue Heimat sei "entchristlicht", sagen sie und erklären selbstbewusst: "Ihr habt uns früher den Glauben gebracht, jetzt bringen wir ihn zurück!"
Während sich Missionswerke in Übersee seit langem der Ausbildung Einheimischer für den Dienst im eigenen Land widmen, ist die Planung und Durchführung des ATTiG-Programms etwas völlig Neues. Bei der Erstellung der Lehrpläne könne man zwar einerseits aus dem vollen schöpfen, denn in den überseeischen Partnerkirchen gebe es englischsprachige theologische Lehrbücher, anderer-seits sei aber die Arbeitssituation der Gemeindeleiter in Deutschland völlig anders und den deutschen Beteiligten weitgehend unbekannt. Ein ähnlicher Kurs, den die theologische Fakultät an der Universität in Birmingham Gemeindeleitern von den Westindischen Inseln bietet, könne eine gewisse Vorbildfunktion haben, meint Engel. An der Missionsakademie, so gesteht Studienleiter Heuser, fehle es jedoch noch am notwendigen Material und er weist dankbar darauf hin, dass einige der Professoren ihr Vorlesungshonorar zur Anschaffung von Büchern bereitgestellt haben. Wegen der unterschiedlichen theologischen Bekenntnisse konnte sich der Pilot-Kurs nicht auf eine englische Bibelübersetzung einigen. "Wir schlugen vor, eine neue Bibelübersetzung afrikanischer Theologen zu benutzen, wurden aber zu Gunsten der jeweils 'eigenen' Bibel überstimmt", erzählt Engel. "Die Übersetzung war ihnen zu 'katholisch'".
Mit großem Interesse beobachten die überseeischen Partnerkirchen den Kurs. Und obwohl sie einerseits froh sind, dass sowohl für die afrikanischen Gemeinden im Ganzen, als auch für einzelne Gläubige etwas getan wird, ist die ökumenische Offenheit für manche Kirchenführer nicht nachzuvollziehen. "Wir bekamen Anfragen aus Afrika, in denen sich lutherische Bischöfe darüber wunderten, dass wir zum Beispiel Pfingstler in das Programm aufnehmen, wo doch gerade diese Gruppen den etablierten Kirchen in Afrika Glieder abwerben", berichtete Heuser. Von dem Bekenntnis übergreifenden Angebot wird auch der nächste Kurs nicht abweichen. "Wir machen aber auch für die Gliedkirchen der EKD nicht in dem Sinne Werbung, dass wir den Absolventen des ATTiG-Programms den Kircheneintritt nahe legen", sagt Heuser und betont gleichzeitig, dass sich das Bild der deutschen Volkskirche ändern werde. "Ob die zweite Generation der afrikanisch-stämmigen Bürgerinnen und Bürger in 'afrikanische' oder in 'deutsche' Gemeinden geht, weiß ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich lebendige Gemeinden auf beiden Seiten für die jeweils 'anderen' öffnen."
Finanziert wird dieser erste Kurs seiner Art in Hamburg von verschiedenen kirchlichen Stellen in Deutschland. Bemerkenswert ist, dass eine äthiopische Gemeinde in Deutschland, deren Mitglieder aus dem Volk der Oromo stammen, mehrere Tausend Mark dafür gesammelt haben, obwohl keiner ihrer Prediger daran teilnimmt. Pro Wochenende bezahlen die Teilnehmenden zehn Euro aus eigener Tasche.
Unter den in Deutschland lebenden christlichen Afrikanern und Afrikanerinnen hat sich die Neuigkeit über das ATTiG-Programm inzwischen herum gesprochen, berichtet Heuser. Entsprechend viele Anfragen liegen nun vor und auch deshalb werde die Veranstaltungsreihe wiederholt werden. "Ich kann mir vorstellen, dass nach dem erfolgreichen Pilot-Kurs neue Professoren und Dozenten für die Veranstaltungen gewonnen werden können", sagt Heuser. Er spricht von einem "Kairos für diese Art von Kursen", und weist darauf hin, dass es einen ähnlichen Kurs in Wuppertal gebe und andere Landeskirchen dem Beispiel folgen wollen, denn in vielen Großstädten gebe es eine große Anzahl afrikanischer Gemeinden, die ihre Leiterinnen und Leiter, aber auch Gemeindeglieder, ausbilden lassen möchten.
Nach erfolgreichem Abschluss des Pilot-Kurses sollen die Teilnehmenden ein Zertifikat erhalten. Und weil sie sich weiter qualifizieren möchten, ist eine Fortsetzung geplant. Welche Art "Diplom" für diese Fortbildung im Anschluss an das ATTiG-Programm einmal ausgestellt wird, muss noch geklärt werden. Engel weist darauf hin, dass einige Teilnehmende bereits signalisiert haben, dass sie ein reguläres Theologiestudium an einer deutschen Universität anschließen möchten.
Die Journalistin Freddy Dutz ist Pressereferentin des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland (EMW).