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Meldung im Detail

18.03.2003

Namibias Kirchen im Kampf gegen Aids

Mit einer HIV-Infektionsrate von 22,3 Prozent und über 80.000 Waisenkindern ist Namibia nach Botswana, Swasiland und Simbabwe weltweit am schlimmsten von der AIDS-Pandemie betroffen. Nun werden die Kirchen aktiv.

"Ich lege jeder lutherischen Gemeinde in Namibia eindringlich nahe, in Jahr 2003 ihr eigenes AIDS-Komitee zu gründen. Nur so können wir unser Programm zur Bekämpfung der AIDS-Pandemie umsetzen." Diesen Appell richtete Bischof Dr. Zephania Kameeta von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELKRN) an die über 880.000 Mitglieder der drei namibischen lutherischen Kirchen, zu denen fast 50 Prozent der Bevoelkerung des Landes gehoeren.

Mit einer HIV-Infektionsrate von 22,3 Prozent und über 80.000 Waisenkindern ist Namibia nach Botswana, Swasiland und Simbabwe weltweit am schlimmsten von der AIDS-Pandemie betroffen. In einigen Regionen ist jede dritte Schwangere HIV-positiv und die durchschnittliche Lebenserwartung wird bis zum Jahr 2005 voraussichtlich von jetzt 61 Jahren auf 40 Jahre fallen.

"Ignoranz, Stigmatisierung oder Diskriminierung haben lange Zeit die Haltung von Kirche und Regierung gegenüber HIV-Infizierten und AIDS-Kranken geprägt", erklärt Angela Veii, Koordinatorin für Lutherische Einheit in Namibia und zuständig für die Koordinierung der AIDS-Programme der lutherischen Kirchen.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia (ELKIN) mit ihren 580.000 Mitgliedern betreibt seit Dezember 2000 das "ELKIN-AIDS-Aktionsprogramm" und die ELKRN mit 300.000 Mitgliedern seit Juli 2001 das "AIDS-Programm der Evangelisch-Lutherischen Kirche". Die deutschsprachige lutherische Kirche in Namibia mit nur 7.000 Mitgliedern hat kein eigenes Programm, bindet sich jedoch in die Projekte der anderen Kirchen mit ein und nimmt an deren Ausbildungsseminaren teil.

Die Ausbildung in häuslicher Pflege und seelsorgerischer Betreuung ist gegenwärtig der Schwerpunkt der Programme, 130 Laien haben inzwischen eine Grundausbildung abgeschlossen. Nur durch die Einbindung von Laien und Freiwilligen seien die Programme auf Dauer unabhängig von auswärtiger Hilfe durchzuführen, so Angela Veii.

Die lutherischen AIDS-Programme haben sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2003 in insgesamt 165 Gemeinden ein Netzwerk dörflicher AIDS-Komitees zu schaffen. In einem ganzheitlichen Ansatz werden diese AIDS-Gruppen in drei Richtungen tätig sein: haäsliche Pflege der Kranken, Aufklärung der Jugendlichen und die praktische und seelsorgerische Begleitung der steigenden Zahl von Waisen. "Die AIDS-Arbeit macht nur Sinn, wenn man das Problem von allen Seiten anpackt", betont Veii. "Nur so können Gemeinden auf lokaler Ebene als 'heilende Gemeinschaften' wirken - wenn es sein muss auch ohne Geld und Medikamente."

Der ganzheitliche Ansatz sei auch wichtig, weil Aufklärung über HIV/AIDS mit der Entwicklung einer neuen Sexualmoral einhergehen müsse. "Sexualität ist immer noch ein Tabuthema", sagt Pfr. Hosea Iyambo, Koordinator der ELKIN AIDS-Aktion (Westliche Dioezese). Frauen befänden sich nach wie vor in einer untergeordneten Stellung in der Familie und seien häufig der häuslichen Gewalt von Männern ausgesetzt, die sich weigerten, effektive Methoden der Prävention anzuwenden.

Ebenso erfordere die aktive Betreuung der AIDS-Kranken und Waisen das Schaffen neuer sozialer Netzwerke, die sich nicht mehr ausschliesslich auf die traditionelle afrikanische Grossfamilie stützen. Staat, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hätten noch keinen wirksamen Ansatz fuer tiefgreifende Verhaltensänderungen in den traditionsbewussten ländlichen Gebieten gefunden. "Programme, die direkt, ganzheitlich und vor Ort die AIDS-Pandemie bekämpfen, könnten", so Angela Veii, "durch persönliche Betroffenheit, durch die unmittelbare Erfahrung mit AIDS-Kranken und durch den heilenden Einfluss der Gemeinde einen Wandel bewirken."

Fuer den Erfolg der AIDS-Arbeit ist auch die ökumenische Zusammenarbeit von herausragender Bedeutung. So sind alle drei lutherischen Kirchen Gründungsmitglieder der im November 2002 ins Leben gerufenen Church Alliance for Orphans (CAFO). CAFO ist ein Zusammenschluss von 11 kirchlichen Organisationen, die sich für die praktische Betreuung von Waisenkindern und die Heilung ihrer Traumata einsetzen.

"Wir möchten in Namibia eine Gesellschaft schaffen, in der sich auch Waisenkinder aufgehoben und unterstützt fühlen", sagte der Nationale Koordinator von CAFO, Pfr. Dr. Henry Platt, bei der Eröffnung. Da schon jetzt das soziale Netz der traditionellen afrikanischen Grossfamilie nicht mehr alle Waisenkinder auffangen könne, gebe es mehr und mehr Kinder, die allein leben, juengere Geschwister versorgen, nicht mehr zur Schule gehen und hungern.

Die Schwierigkeiten bei der AIDS-Bekämpfung sind immens: Trotz grosszügiger materieller Unterstützung durch die Vereinte Evangelische Mission (VEM) und Finnish Evangelical Lutheran Mission (FELM) fehlt es an ausreichenden Finanzmitteln, ausgebildetem Personal und an einer administrativen Infrastruktur. Die Unwissenheit über die Ansteckungsgefahren ist in den ländlichen Gebieten immer noch groß und für wichtige Aufklärungskampagnen gibt es dort weder Zeitungen noch Fernsehen, sondern nur das Radio.

Dennoch gibt es "gute und schlechte Nachrichten", stellte die Ministerin für Gesundheit und Sozialfürsorge, Dr. Libertine Amathila, fest. Nach Erscheinen des namibischen AIDS-Berichtes 2002 im Dezember letzten Jahres hob sie einige Regionen hervor, in denen sich die Infektionsrate stabilisiert habe oder gar zurückgegangen sei. Sechs der größeren namibischen Städte vermeldeten sinkende Infektionsraten von drei bis vier Prozent während der letzten zwölf Monate. Daran koenne man sehen, so die Ministerin, "dass die Arbeit Früchte traegt". Dies führte sie vor allem auf die erfolgreichen städtischen Aufklärungskampagnen zurück, die Regierung und Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahren gemeinsam durchgeführt haben.

Neben den Schulen zählt die Ministerin die Kirchen zu den wichtigsten Faktoren der Zivilgesellschaft. "In Afrika stärkt die Beteiligung der Kirchen und der ReligionsfuehrerInnen die Glaubwürdigkeit und den Erfolg der Regierungskampagnen. Über 90 Prozent der Bevölkerung Namibias sind Kirchenmitglieder und selbst in den entlegensten Teilen des Landes gibt es eine Kirche und Gottesdienste", so Angela Veii. "Deshalb nehmen wir unsere Aufgabe so ernst und arbeiten auf allen Ebenen zusammen." (Ein Beitrag von LWI-Korrespondentin Erika von Wietersheim, Namibia.)




 
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