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Dokumentation im Detail

07.01.2004

Zwischen den Meeren – Zwischen den Zeiten

Panamas Gesellschaft im Umbruch

"Und jetzt," sie beugt sich leicht vor und senkt die Stimme verschwörerisch, "jetzt wollen sie sogar unseren Namen ändern!" Der Gesichtsausdruck der alten Dame ist empört. Wie? - Namen ändern? Nicht mehr "Salvation Army"? "Nein, überall werden schon die Schilder angebracht. "Ejército de Salvatión" steht drauf." Aber das heißt doch auch "Heilsarmee". "Aber auf spanisch. Und das ist ein riesengroßer Unterschied!"

Was auf den ersten Blick nach einer Geschmacksfrage klingt, entpuppt sich nach einem längeren Gespräch mit Majorin Proverbs, einem Corps-Mitglied der Heilsarmee von Panama, als Ergebnis einer kolossalen Umwandlung in dem kleinen mittelamerikanischen Land nach dem Abzug der Amerikaner.

 

Majorin Inez Proverbs, ist über 70-jährig und offiziell schon einige Jahre  im Ruhestand, aber unterstützt die Heilsarmee weiterhin ehrenamtlich. "Meine Lebensgeschichte ist typisch für dieses Land" erzählt sie. Typisch auch die Verbundenheit mit dem Kanal, ohne den es das Land wahrscheinlich gar nicht geben würde.

 

Land am Kanal

 

Die Idee, den Pazifik und den Atlantik miteinander zu verbinden, hatten die spanischen Eroberer bereits 1534. Dreißig Jahre lange drehten und wendeten sie den Gedanken, ehe er dann verworfen wurde. Nicht wegen der technischen Schwierigkeiten, sondern weil das Ende der Debatte "theologisch" herbei geführt wurde: dem König wurde erklärt, dass Gott, so er es denn gewollt, die beiden Ozeane höchstpersönlich verbunden hätte.

 

1889 scheiterten die größenwahnsinnigen Pläne von Ferdinand de Lesseps, ehemals erfolgreicher Bauer des Suez-Kanals. Tödliche Insekten, Viren und Bakterien. Malaria, Gelbfieber, Typhus, Pocken, Cholera und Ruhr brachten die Arbeiter, die aus aller Welt in die Sümpfe zwischen den Meeren gekommen waren, zu Tausenden um. 20 000 Menschen starben alleine in den Lazaretten. Die Zahl derer, die in den Arbeiterunterkünften oder am Arbeitsplatz verreckten, ist unbekannt. Trotzdem gab es keinen Mangel an Arbeitskräften. Pro Arbeiter und Tag konnte bis zu eineinhalb US-Dollar verdient werden, egal, ob der Mann schwarze, braune oder gelbe Haut hatte. Doch Lesseps Idee, die 80 Kilometer lange Strecke ohne Schleusen zu bauen, scheiterte. Die Firma ging pleite. 1435 Millionen Franc hatte das Abenteuer für ungefähr acht Kanal-Kilometer gekostet, 1000 Mio. Franc mehr, als der komplette 40-Kilometer-lange Suezkanal. Es stellte sich heraus, dass französische Politiker und Beamte mit Unsummen bestochen worden waren. Das größte Finanzdebakel des 19. Jahrhunderts stürzte 800 000 französische Kleinanleger in den Ruin.

 

Die Bauruine wurde im gerade angebrochenen Jahrhundert von einer amerikanischen Firma aufgekauft. Die Pläne für den Bau waren 1907 abgeschlossen. Arbeiter wurden wieder in der ganzen Welt angeheuert und mit beeindruckender Effizienz ans Werk gegangen: Bis zu 20 000 Arbeiter schufteten zur gleichen Zeit an dem Kanal-Projekt. Maschinen, Baumaterial und auch die Waren des täglichen Gebrauchs zur Versorgung der Arbeiter und ihrer Familien wurden mit aus dem Norden des Kontinents herangeschafft.

 

Auch die Eltern von Inez Proverbs waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Barbedos in die amerikanische Quasi-Kolonie gekommen. „Meine Vorfahren waren aus Afrika entführt und auf den britischen Plantagen in der Karibik versklavt gewesen.“ Bei den Amerikanern seien diese Arbeiter besonders beliebt, berichtet die Heilsarmee-Offizierin, „denn sie sprachen englisch, waren arbeitswillig und fromm.“

 

Nachdem der Kanal 1914 in Betrieb genommen worden war, sicherten die Vereinigten Staaten die Wasserstraße mit einem 10-Meilen-Streifen (ca 16 km) und führten in der Kanal-Zone amerikanisches Recht ein. Wer in der Kanalzone arbeitete und wohnte, schickte – unabhängig von der Farbe des Passes - seine Kinder in amerikanische Schulen, kaufte amerikanische Waren in eben solchen Geschäften und musste noch nicht einmal zur Kenntnis nehmen, außerhalb der USA zu leben: die Sprache, die Kultur, ja selbst das Geld waren ur-amerikanisch. Viele der Nachkommen der ehemaligen Sklaven fanden ein gutes Auskommen und bildeten im unabhängigen Staat Panama eine dünne, aber wahrnehmbare Mittelschicht. Bereits auf den Plantagen waren sie getauft und die viele der in Panama geborenen Nachkommen wurden Mitglied in den protestantischen Kirchen.

 

Kirchen als Nothelfer

 

Der Isthmus, die schmalste Stelle zwischen Nord- und Südamerika, ist seit der spanischen Eroberung religiös durch die katholische Kirche geprägt, der auch heute noch 80 Prozent der Bevölkerung angehören. 10 Prozent sind Mitglieder in den unterschiedlichen protestantischen Kirchen. Es gibt eine kleine jüdische Gemeinde, die kaum in der Öffentlichkeit auftritt. Viele Ureinwohner sind Anhänger ihrer alten Religionen, auch wenn manche getauft sind. Die Einwanderer aus Asien haben ihre Religionen mitgebracht und ihren Gottheiten Tempeln gebaut. Muslimische Gläubige haben die Wahl zwischen verschiedenen Moscheen und Gebetshäusern.

 

Im öffentlichen Bewußtsein wird „christlich“ mit „katholisch“ gleichgesetzt. Der verallgemeinernde Ausdruck „evangelisch“ ist für viele Menschen gleichbedeutend mit „Sekte“. Mit konkreten Konfessionsbezeichnungen wie „baptistisch“, „methodistisch“ kann die Allgemeinheit schon eher etwas anfangen.

 

Seit einigen Jahren nehmen die Kirchenführer der römisch-katholischen Kirche, der Anglikaner und der Methodisten eine relativ kritische Haltung gegenüber der Regierung ein und wenden sich öffentlich gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Majorin Proverbs geht noch einen Schritt weiter: „Wir müssen uns in diesem Land wieder auf unsere Tugenden besinnen!“ Und zählt auf: „Kein Alkohol, keine leichtfertigen Vergnügungen, mehr Fleiß und Ordnungssinn.“ Weil sie nicht wie eine Spielverderberin klingen will, erklärt sie sich so gleich: „Nachdem wir seit dem Abzug der Amerikaner selbst verantwortlich für unser Land sind, geht es bergab. Da muss doch was geschehen!“

 

Die Kirchen, katholische Orden und christliche Gemeinschaften werden in der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation vermehrt als Ansprechpartner für soziale Anliegen empfunden, berichtet sie. Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen und, in den ländlichen Gebieten auch Missionsstationen, gelten als nicht mehr nur als Ausdruck christlicher Nächstenliebe, sondern als Lückenbüßer für fehlende staatliche Alternativen.

 

Selbst die Heilsarmee, die unter den protestantischen Gemeinschaften eine eher unbedeutende Rolle spielt, unterhält in Colón ein Altersheim, in der Nähe von Panama-City ein Mädchenwohnheim, und engagiert sich in der Hauptstadt auf unterschiedliche Art in der offenen Sozialarbeit. Die Majorin befürchtet aber, dass die Kirchen als Nothelfer überfordert sind: „Wir finanzieren und über freiwillige Gaben, und die werden weniger, seitdem so viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben.“ Vor allem diejenigen Gemeinden sind besonders betroffen, deren Mitglieder bei „den Amerikanern“ gearbeitet haben.

 

Regenbogenland

 

Immer wieder werden in der letzten Zeit Stimmen in der Gesellschaft laut, die fordern, dass sich die Kirchen für die Einheit des Volkes einsetzen sollen. Wo man in der Vergangenheit stolz auf die „Regenbogen-Gesellschaft“ war, die, anders als in anderen mittel- und lateinamerikanischen Staaten, keine rassistischen Animositäten kenne, müssen die Panamenos erkennen, dass der Frieden zwischen den ethnischen Gruppen nur oberflächlich ist. Eigentumsdelikte haben überall im Lande zugenommen. In Colón, rund um die zweitgrößte Freihandelszone der Welt, geschehen selbst am hellen Tage immer mehr Überfälle. Und unterschwellig sei der Neid auf die Wohlhabenden spürbar, erfährt man in Gesprächen mit Einheimischen.

 

Gesellschaftsumbau

 

Noch ist Panama im Vergleich mit seinen Nachbarn ein reiches Land, aber auch hier ist Geld und Gut höchst ungleich verteilt. Nur zehn Prozent der Bürger haben eine weiße Haut, aber ihnen – und den zwei Prozent der aus Asien stammenden Bürger - gehört das meiste Geld im Land. Die Nachkommen der Ureinwohner, knapp acht Prozent der Bevölkerung, spielen politisch und wirtschaftlich kaum eine Rolle. Die „afro-antillische“ Bevölkerung und die Mestizen spüren die Veränderungen im Lande besonders deutlich. Ein kleiner Teil derer, die nach dem Abzug des Großen Bruders aus dem Norden ihre Arbeitsplätze in der Kanalzone verloren haben, hätten zwar in die USA auswandern können, aber nur wenige haben diese Möglichkeit  wahrgenommen. Die Hoffnung, ín der Heimat die gute Ausbildung und den hohen Kenntnisstand für einen neuen Arbeitgeber einzusetzen, hat sich nur für wenige erfüllt. In der heutigen Gesellschaft sind auch ihre Englischkenntnisse weniger gefragt. Die Arbeitslosigkeit hat sie, obwohl gut ausgebildet und hoch motiviert, besonders empfindlich getroffen. Die ehemalige schwarze Mittelschicht wird deutlich dünner.

 

Das merken besonders christliche Gemeinschaften, wie eben die Heilsarmee, deren Mitglieder bisher aus dieser Bevölkerungsgruppe kamen. „In unsere Gottesdienste kamen früher auch US-Amerikaner“, erzählt Majorin Proverbs. Deren Umzug in die Heimat sei für die Kirche finanziell besonders hart gewesen. Die neuen Mitglieder, um die eifrig geworben wird, und die sich auch von den mitreißenden Gottesdiensten angesprochen fühlen, gehören nicht zur Mittelschicht. Vor allem die jungen Leute, die sich bekehren, sind zwar in der Regel schwarz, Mulatten, oder Mestizen, aber mittlerweile spanisch-sprachig. Weil das Spanische auch hier im Vormarsch ist, kommt es in Gottesdiensten der Heilsarmee immer öfters vor, dass die Predigt auf Spanisch gehalten oder aus dem Englischen übersetzt wird, damit sie alle Besucher verstehen. Man habe sich, so die Befürworter dieser Aktion, nur den Bedürfnissen der Menschen angepaßt.

 

Für diejenigen in der Bevölkerung, für die Englisch als Muttersprache gleichbedeutend mit wohlhabend, gut ausgebildet und dazu gehörig bedeutet hat, ist diese Entwicklung, die die ganze Gesellschaft durchzieht, ein Zeichen für den Untergang, den es zu bekämpfen gilt.

 

Kein Wunder, dass bei den alteingesessenen Mitgliedern der Heilsarmee in Panama die Umbenennung der ehrwürdigen Institution Unmut auslöst. Was die Alten wohl davon hielten, wenn sie wüßten, dass der sehr ansprechende Internet-Auftritt ihrer Gemeinschaft nur auf spanisch im Netz steht?




 
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