Motive aus dem aktuellen Kalender der Missionswerke.
Bitte hier bestellen.

EMW-Logo

Titelbild: Monika Herold

Die "EineWelt" 4/2011 ist jetzt lieferbar! Schwerpunktthema ist "Partnerschaft in Bewegung: Kirchliche Nord-Süd-Partnerschaften im Wandel"


# Inhaltsverzeichnis (PDF)
# Direkt zu Details und Bestellung:


www.mission.de

Eine Initiative evangelischer Missionswerke, Verbände und Kirchen unter dem Dach des EMW
www.mission.de


EMW-Jahresbericht 2010/2011: "Populär und prosperierend - Zur pfingstkirchlich-charismatischen Dynamik in Afrika"
Der aktuelle Jahresbericht (Downloads)
# Jahresbericht 2010/2011 Langfassung
# Kurzfassung Jahresbericht
# Druckversion bestellen:


Kennen Sie schon die Weltkarte in der Peters Projektion?
# Weltkarte, download (gross)
# Was ist die Peters Projektion? (Erklärung zur Weltkarte)
# Weltkarte bestellen:


Dokumentation im Detail

10.11.2004

Ökumenische Partnerschaften: Missionstheologe spricht aus deutscher Sicht

Wortlaut des Vortrages von Dr. Klaus Schäfer anläßlich der Generalsynode der VELKD 2004

Ökumenische Partnerschaften, eine deutsche Perspektive Vortrag auf der 2. Tagung der 10. Generalsynode der VELKD, Gera, Oktober 2004


Ich bin gebeten worden, aus der Sicht von Kirchen in Deutschland etwas über die Geschichte und theologische Bedeutsamkeit des Begriffes und Konzeptes von Partnerschaften – und gemeint sind damit: ökumenische Partnerschaften - zu sagen. Ich möchte dies so tun, dass ich meine Überlegungen in zwei größere Abschnitte gliedere, in denen dann jeweils einige kleinere Schritte – einmal drei und das andere Mal fünf – gegangen werden sollen. Im ersten Teil soll es darum gehen, etwas über den Kontext und den Sitz im Leben der Diskussion um Partnerschaft zu sagen und die Dynamik zu verstehen, die der Begriff – um nicht zu sagen: der Slogan - der Partnerschaft zu verschiedenen Zeiten gewonnen hat. Im zweiten Teil möchte ich auf dem Hintergrund des bis dahin Gesagten in fünf Punkten festhalten, was auch meiner Sicht im Blick auf den Gedanken und die Gestaltung von ökumenischer Partnerschaft – ich gebrauche hier den Singular – wichtig ist. Dass alle diese Ausführungen nur exemplarische Einblicke geben und Fragen und Probleme oft nur andeuten können, versteht sich angesichts der Komplexität des Themas von selbst.

1. Partnerschaft im Kontext : Die Frage nach dem „Sitz im Leben“ der Partnerschaftsthematik

Um die Reichweite, Bedeutung und Relevanz des Partnerschaftskonzeptes anzudeuten, möchte ich im Folgenden exemplarisch drei Szenen aufrufen. Sie führen uns in drei verschiedene Städte und in unterschiedliche historische Kontexte: - In das abgeschiedene Städtchen Whitby, in der Nähe von Toronto in Kanada im Jahre 1947; - nach Hannover-Marienwerder, in eine Gemeinde am nordwestlichen Stadtrand von Hannover im Jahre 1971; und in - eine lutherische Kirchengemeinde in Hamburg-Schnelsen im Jahre 2002.

Die drei Szenen stehen für historische Kontexte, zugleich aber auch für Impulse, Trends und Tendenzen, die sich im Blick auf das Konzept ökumenischer Partnerschaften beobachten lassen.


1. Szene: Whitby 1947 - Der Ruf nach wirklicher Partnerschaft

Die erste Szene führt zurück in das Jahr 1947, in das kanadische Whitby, nicht weit von Toronto. Zu einer Versammlung, die als die vierte Weltmissionskonferenz in die ökumenische Geschichte eingegangen ist, kamen hier 112 Delegierte aus 40 Ländern zusammen. Es war eine kleine Konferenz, aber doch angesichts der Vielzahl der vertretenen Länder die erste repräsentative ökumenische Zusammenkunft nach dem Zweiten Weltkrieg.

Man muss sich die Zeit vergegenwärtigen: Der Krieg ist gerade zwei Jahre vorbei, die Welt lag vielerorts noch in Trümmern; der Ost-West-Konflikt zeichnete sich als die neue Frontstellung in der Weltpolitik ab, der Kalte Krieg hatte bereits begonnen. Der Krieg hatte aber auch die Missionsarbeit westlicher Missionsgesellschaften unterbrochen, viele Länder im Süden waren zu Kampfgebieten im Krieg geworden, Missionare waren interniert worden, Afrikaner und Asiaten in den Armeen in Kolonialherren als Soldaten rekrutiert, und in den Gebieten, die später die Dritte Welt genannt wurde, war seit langem ein Gärungsprozess eingetreten, der auf eine Abschüttelung der Kolonialherrschaft und auf nationale Unabhängigkeit hindrängte. 1947 war auch das Jahr, in dem die Krone des bisherigen britischen Weltreiches, Indien, unabhängig wurde.

Die Delegierten kamen mit der bangen Frage nach Whitby, was der Krieg und die Unterbrechung der Missionsarbeit wohl für die jungen Christen und Christinnen in Asien und Afrika bedeutet haben mag. War die junge Christenheit in der Zeit der Krise und abgeschnitten von westlichen Missionaren und westlicher Hilfe lebendig geblieben oder war das Werk zerstört worden?

Was den in Whitby Versammelten – neben anderem, von dem hier nicht zu sprechen ist – deutlich vor Augen trat, war auf der einen Seite das beglückende Erlebnis der „Wirklichkeit der einen Kirche“, also einer ökumenischen Gemeinschaft, die in den Krisen des Krieges nicht zerbrochen, sondern eher noch gereift war. Auf der anderen Seite wurde in Whitby aber auch die neue Selbständigkeit augenfällig, die die jungen Kirchen in den Krisen des Krieges, der Auseinandersetzung mit den Kolonialherren gewonnen hatten. Diese beiden Momente – die beglückende geistliche Verbundenheit und das in der Anfechtung gewachsene Selbstbewusstsein der jungen Kirchen - wurde aufgenommen in einem Slogan, der als Kurzformel für den besonderen Beitrag Whitbys für die Missionstheologie Geschichte gemacht hat: „Partnerschaft im Gehorsam“.

Was war damit gemeint? Im Blick war dabei nichts weniger als eine Neudefinition der Beziehungen von Missionsgesellschaften und ausländischen, aus dem Westen kommenden Missionaren auf der einen und den einheimischen Christen, den sog. jungen Kirchen auf der anderen Seite. Auch wenn die Mission nicht einfach ein Teil der Kolonialbewegung war, waren die weißen Missionare – und mehr noch die Missionsleitungen in der Heimat – überzeugt, die „Bürde des weißen Mannes“ tragen und für ihre hilflosen, armen, ungebildeten und unkultivierten Schützlinge Verantwortung übernehmen und tragen zu müssen. Lange war man auch in vielen Missionskreisen der Meinung, dass die einheimischen Christen noch nicht reif seien für die Leitung der einheimischen Kirche; die einheimischen Christen waren zwar als Evangelisten wichtig für die Mission, aber sie waren eben „Gehilfen“ unter der Anleitung und Leitung des westlichen Missionars, der die Kontrolle in der Hand behielt, dessen dominante Präsenz aber je länger je mehr von den einheimischen Christen beklagt wurde.

Der Begriff der Partnerschaft gewinnt auf dem Hintergrund dieses alten Beziehungsgefälles in der Mission eine kritische, emanzipatorische Kraft. Er signalisiert das Streben nach Anerkennung der Selbständigkeit der einheimischen Christen. Der Slogan von der „Partnerschaft im Gehorsam“ suchte deutlich zu machen, dass nicht die Missionsgesellschaften im Westen oder Norden (allein) für die Missionsarbeit zuständig seien und sich in den Ländern, in denen bereits Kirchen entstanden sind, nach Belieben und ohne Konsultation mit den einheimischen Christen engagieren könnten. Betont wurde jetzt, dass die einheimischen Christen und die westlichen Missionsgesellschaften in einer „Partnerschaft“ stehen und beide miteinander dem Missionsbefehl des Auferstandenen gegenüber zu gemeinsamen Gehorsam verpflichtet seien. Es sollte nicht mehr so sein, dass die eine die sendende Kirche ist – die zudem noch eine Missionsgesellschaft war, die im Norden gar nicht wirklich in die Kirche integriert war - und die andere lediglich die empfangende Kirche darstellte.

Was „Partnerschaft im Gehorsam“ dann konkret für die Neugestaltung der Beziehungen von Missionsgesellschaften und einheimischer Kirche bedeutet, ist in Whitby in sehr klaren, bis heute aktuellen Grundsätzen formuliert worden. In der Erklärung wird etwa gesagt, dass die Kirchen des Nordens „die fähigsten Männer und Frauen aus ihren eigenen Reihen für den Dienst jenseits der Meere hergeben“ sollten; die Kirchen des Südens sollen andererseits „nun ein für allemal den so hemmenden Geist der Abhängigkeit von den Älteren Kirchen ablegen und ihren Stand auf dem wahren Grunde völliger geistlicher Gleichberechtigung fest einnehmen. Sie sollen von ihrem Recht Gebrauch machen und ihre eigenen Anliegen selbst verwalten, die Richtlinien ihrer Arbeit selbst ziehen und unter der Leitung Gottes, des Heiligen Geistes, ihr eigenes, bestimmtes Zeugnis in der Welt ablegen.“ Hervorgehoben wird, dass die Missionsgesellschaften Bindeglieder zwischen den Älteren und den Jüngeren Kirchen sein sollten und auf eine engere Verbindung der Kirchen zueinander – also nicht allein der Missionsgesellschaft und der jungen Kirche - hinarbeiten sollten. Festgestellt wurde, dass die ausländischen Missionare nur auf Einladung einer einheimischen Kirche in das Land kommen und unter der Leitung der einheimischen Kirche arbeiten sollten; bei der Auswahl von Mitarbeitern sollten die einheimischen Kirchen künftig Mitspracherecht haben. Auch Fragen zur finanziellen Unterstützung einheimischer Kirchen werden angesprochen; betont wurde, dass ausländisches Geld nicht zur Ausübung von Herrschaft missbraucht werden dürfe und keine Abhängigkeiten schaffen soll. Während früher die Missionsgesellschaften im Norden entschieden, wofür das Geld eingesetzt und ausgegeben werden sollte, sollte die Planungs- und Entscheidungskompetenz nach dem Willen der Konferenz zukünftig bei der einheimischen Kirche liegen. „Die letzte Verantwortung für die Verwendung der Gelder muss bei der Kirche liegen, wo das Geld ausgegeben wird.“

Interessanterweise kommt im deutschen Berichtsband zur Weltmissionskonferenz von Whitby der Begriff „Partnerschaft“ kein einziges Mal vor, obwohl das Wort „partnership“ in den englischen Texten sehr häufig verwendet wird. Im Deutschen finden sich Umschreibungen, die entweder den Gedanken der geistlichen, geschwisterlichen Gemeinschaft betonten oder den zweckorientiert-pragmatischen Charakter des „partnership“-Begriffs im Sinne der „Arbeitsgemeinschaft“ in der Mission akzentuierten.

Mit dem – zugegeben etwas ausführlichen - Hinweis auf Whitby möchte ich zeigen, dass der Begriff der Partnerschaft seine Kraft zunächst aus dem Drängen der jungen Kirchen bezieht, die bereits bestehenden Beziehungen zwischen Missionsgesellschaften und Kirchen neu zu gestalten: Die Gestaltung der Beziehungen soll zukünftig partnerschaftlich sein, d. h. die Selbständigkeit und Eigenständigkeit der Partner anerkennen und einen respektvollen Umgang miteinander, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit von gleichwertigen Partnern, gewährleisten. Der Impuls, der mit dem Partnerschaftsgedanken verbunden ist, ist ein kritischer, emanzipatorischer Impuls: Es gibt nicht mehr Mutter- und Tochterkirchen, Junge und Alte Kirchen, sondern Geschwisterkirchen; es gibt nicht sendende und empfangende Kirchen, sondern in der Erfüllung des Missionsauftrages partnerschaftlich verbundene Kirchen; die einheimischen Mitarbeiter sind nicht Gehilfen der Mission, sondern beide – ausländische und einheimische Kräfte – sind Diener desselben Herrn, der seiner Kirche Auftrag zur Mission erteilt hat.

Der kritische Impuls von Whitby erwies sich als außerordentlich nachhaltig und führte zu kritischen Reflexionen über das Gefälle von Beziehungen sowohl in der missionarischen Zusammenarbeit wie auch in der ökumenischen Diakonie, der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit und der Beziehung von Kirchen zueinander. Der Begriff der Partnerschaft erscheint als kritisches Leitprinzip in zahlreichen Grundsatzdokumenten zum Verständnis von Mission, kirchlichem Entwicklungsdienst und ökumenischen Beziehungen. Als Beispiel sei hier nur auf ein Dokument aus dem Bereich des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR hingewiesen, das den Begriff der Partnerschaft bereits programmatisch im Titel führt: In dem 1987 verabschiedeten Dokument: „Mission – Gerechtigkeit – Partnerschaft – Gesichtspunkte zur Neubesinnung auf den ökumenisch-missionarischen Auftrag der evangelischen Kirchen in der DDR“ wird Mission und Einsatz für Gerechtigkeit im Kontext der Partnerschaft mit Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika verstanden. Das Leben in lebendiger Partnerschaft mit Kirchen an anderen Orten, von denen man auch selbst lernen will, ist die Grundlage einer Beteiligung an der Weltmission und deutet zugleich auch inhaltlich den Geist an, in dem alle Mission und alles Engagement im Entwicklungsdienst sich zu orientieren hat.

Der Gedanke der Partnerschaft ging aber nicht nur als ein Leitmotiv der neueren Missionstheologie in Dokumente ein – Papier bewegt ja noch nicht unbedingt etwas -, sondern führte auch zur Neugestaltung von Strukturen. Die stärkere Integration von Missionsgesellschaften in die Kirchen, wie sie in West- und Ostdeutschland seit den 1960er Jahren vollzogen wurde, war auch – wenn auch nicht ausschließlich - eine Folge des neuen Gedankens der Partnerschaft in der Mission. Auch die Gemeinschaft in multilateralen Zusammenhängen, wie etwa dem Lutherischen Weltbund, wurde als ein Ausdruck dieser Suche nach größerer Partnerschaft verstanden, denn diese multilateralen Kontexte verhalfen den Kirchen des Südens, nicht nur partnerschaftliche Gemeinschaft mit Kirchen im Norden zu pflegen, sondern in einer weltweiten Gemeinschaft zu sein, die ihnen noch einen weiteren Blick gab als die bilateralen Beziehungen zu einzelnen Kirchen, mit denen sie historisch verbunden sind. Und auch die Umstrukturierung von Missionswerken in Deutschland in internationale Missionswerke – ein Weg, den etwa die Vereinte Evangelische Mission (VEM) in Wuppertal gegangen ist -, in denen die gemeinsame Mission von paritätisch besetzten Gremien aus allen Mitgliedskirchen der Gemeinschaft geleitet wird, verdankt sich dem Impuls, Partnerschaft noch stärker zu verwirklichen, Macht abzugeben und Vorherrschaft und Dominanz abzubauen.

Allerdings – und dies gehört auch zur Wirkungsgeschichte von Whitby – muss auch gesagt werden, dass der Impuls von Whitby immer wieder neu angemahnt wurde und das Insistieren auf gleichberechtigter Partnerschaft zu Konflikten geführt hat. So sprach die Weltmissionskonferenz von Bangkok, 25 Jahre nach Whitby, davon, dass die Rede von der „Partnerschaft in der Mission“ „ein leeres Schlagwort“ bleibe, weil sich in den Nord-Süd-Beziehungen in Mission und Entwicklungsdienst nicht selten die gleichen Machtverhältnisse widerspiegeln wie es dies das politische und wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle zeige. Die Rede von der Partnerschaft, so vor einigen Jahren der indische Lutheraner Dr. K. Rajaratnam noch einmal in einer scharfen Attacke gegen den kirchlichen Entwicklungsdienst in Deutschland, der seine Prioritäten ohne Konsultation mit den überseeischen Partnern selbst setze, sei oft nur eine reine „Mogelpackung“ geblieben.

2. Szene: Hannover-Marienwerder 1971 - Die Entdeckung ökumenischer Partnerschaft

Die erste Szene hatte ihren Sitz im Leben in der Neugestaltung der Beziehungen in der Mission. In Whitby und in der Nachgeschichte zeigte sich hier das kritische, emanzipatorische Potenzial des Partnerschaftsbegriffs, mit dem Wunsch der bisher nicht wirklich als Partner gewürdigten Seite, doch nicht nur als Objekte der Mission, als Repräsentanten einer jungen, noch unreifen und zur Selbstleitung noch nicht fähigen Kirche angesehen, sondern als wirklicher Partner in der Mission anerkannt zu werden. In der zweiten Szene geht es darum, dass eine durchschnittliche Kirchengemeinde in Deutschland plötzlich die weite Welt und die große, weltweite Kirche jenseits des Horizontes entdeckt, den ihr Kirchturm absteckt. Ging es in Whitby um den Wunsch, endlich als Partner gewürdigt zu werden, geht es hier um die Erfahrung, in Partnerschaft mit Christen außerhalb des eigenen Kulturkreises zu treten und dabei bereichernde Erfahrungen zu machen.

Die Szene führt in das Jahr 1971 und an den Stadtrand von Hannover, in eine damals in einer in den 1960er Jahren geschaffenen Neubausiedlung neu gegründete lutherische Kirchengemeinde in Hannover-Marienwerder. Der erste Pfarrer der Gemeinde, Dr. Wolfgang Günther, der sich während seines Studiums in Erlangen stark mit Missionswissenschaft beschäftigt hatte und zwei Mal in Tansania gewesen war, hatte gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in der Gemeinde die Idee, in dieser Hannoverschen Gemeinde eine Partnerschaft – oder „Patenschaft“, wie er es zunächst noch nannte – zu einer Gemeinde in Tansania aufzunehmen. Der Brief, den er an den westdeutschen Zweig der Leipziger Mission in Erlangen mit der Bitte um Vermittlung einer solchen Patenschaft schrieb, zeigt wesentliche Aspekte, die in den folgenden Jahren bei den überall in deutschen Landeskirchen etablierten Partnerschaften eine Rolle spielten:

„Ich möchte mit dieser Patenschaft erreichen: 1. dass ein Stück weltweite Kirche erfahrbar wird… 2. Ich hoffe, dass der ein oder andere Impuls zu missionarischer Arbeit hier vor Ort von dieser Zusammenarbeit ausgeht. 3. Ich möchte Hilfe zu konkretem Beten geben und zu konkretem Handeln. Für die Gemeinde in Afrika heißt das, dass sie wissen kann, dass in Deutschland eine Gemeinde mit ihrem Gebet, ihrem Denken und ihrem Handeln dahintersteht… 4. Möchte ich, dass ein Stück Bewusstseinsmachung gelingt über die Schwierigkeiten im Aufbau der 3. Welt.“

Damals, Anfang der 1970er Jahre, standen der Welt die Probleme der ungerechten Nord-Süd-Beziehungen deutlich vor Augen. Zugleich aber war es eine Epoche des Aufbruchs und des Optimismus. Die Probleme schienen groß und schwerwiegend, aber lebendig war auch die Hoffnung auf die Überwindung dieser Probleme; der Gedanke der Verbesserlichkeit der Welt drängte viele, in und außerhalb der Kirchen, zu gesellschaftlichem Engagement und zur Solidarität mit der Dritten Welt.

Ich will hier nicht entscheiden, ob die Partnerschaft, die die Gemeinde in Marienwerder mit der Gemeinde in Arushachini/Chemchen geschlossen hat, die allererste Partnerschaft dieser Art – also eine Gemeindepartnerschaft – in Westdeutschland war; schon die Berliner Mission in Westberlin hatte den Gedanken der Partnerschaft im Blick auf Direktpartnerschaften aufgegriffen, und in der DDR gab es sogar eine noch viel längere Tradition. Sicher ist aber, dass in den folgenden Jahren überall in Deutschland so viele Gemeinde- und Kirchenkreispartnerschaften entstanden, dass Lothar Bauerochse, von dem die bisher gründlichste Untersuchung zu diesem Thema erschien, für diese Zeit der 1970er und 1980er Jahre geradezu eine „Partnerschafts-Euphorie“ auszumachen meinte. Gefördert wurde dies auch durch Synodalbeschlüsse von Landeskirchen, die die Gemeinden und Kirchenkreise aufriefen, sich um solche Gemeinde- oder Kirchenkreispartnerschaften zu bemühen; leitend waren dabei teilweise unterschiedliche Motive: So ging es vielen – wie etwa im Blick auf Südafrika – um den Erweis konkreter Solidarität mit Christen und Christinnen, die in einer Situation schweren Unrechts ihren christlichen Glauben und ihr christliches Bekenntnis zu leben hatten; oder es ging einfach darum, der ökumenischen Dimension der Kirche einen konkreten, exemplarischen Ausdruck und ein Gesicht zu verleihen.

Auch bei den einzelnen Gemeinden und Kirchenkreisen, die Partnerschaft aufnahmen waren die Motive sehr unterschiedlich, wie Untersuchungen gezeigt haben. Vielen ging es durchaus, wie das Zitat von Wolfgang Günther schon zeigte, um die konkrete Erfahrung von weltweiter Kirche; manchen wird es um so etwas wie ökumenische Gemeindeerneuerung und missionarische Impulse für den eigenen Kontext gegangen sein, vielen aber auch um Solidarität und unkonkrete Hilfe für Menschen in schwierigen Situationen.

Das Beispiel Marienwerder zeigt auch, von wem das Interesse für die Partnerschaft in der Regel ausging: Es waren diesmal die Menschen hier bei uns, in unserem Gemeinde, die die Partnerschaft mit anderen suchten. Damit wird Partnerschaft nicht notwendig ein westlicher Import, aber es dürfte doch deutlich sein, dass der emanzipatorische Klang, der mit Whitby verbunden war, hier nicht mehr in gleicher Weise anzutreffen ist. Ging es dort um die Erreichung wirklicher Partnerschaft als Anerkennung von Gleichen, so ging es hier oft um andere Fragen: Wie können wir die Ökumene konkreter leben? Wie können wir Solidarität mit den leidenden und geschundenen Brüdern und Schwestern üben? Wie können wir ganz praktisch und konkret – und möglichst auch sichtbar - Hilfe zur Selbsthilfe leisten? Wo sind etwa geistliche Erfahrungen – Formen des Gebetes, des Gottesdienstes, der Mission – die uns selbst hier bereichern?

3. Szene: Hamburg-Schnelsen 2002 – Partnerschaft als (mögliche) Überforderung

Ich rufe noch eine dritte Szene auf: Sie führt uns in eine Gemeindeversammlung einer lutherischen Kirchengemeinde in Hamburg-Schnelsen im Jahre 2002. Die Kandidaten vor die Wahl der Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher stellen sich vor. Es sind viele wichtige Bereiche der Gemeindearbeit, in denen die Kandidaten und Kandidatinnen ihre Gaben und Talente einbringen wollen; aus dem, was angesprochen wird, ergibt sich ein Profil der Gemeinde. Auf ökumenische Beziehungen, Gemeinde im weltweiten Horizont, auf ökumenische Partnerschaft oder kirchlichen Weltdienst und Mission wird mit keinem Wort eingegangen. Und auf die spätere Nachfrage aus der Gemeinde, ob diese Dimension nicht auch wichtig wäre und ob die Gemeinde sich nicht auch hier engagieren sollte, gibt es das Feedback eines älteren, wohlverdienten Gemeindegliedes, dass „uns“ dies doch überfordern würde; „wir“ hätten schon genug mit den Problemen vor unserer Haustür zu tun.

Ich erwähne diese Szene nicht, um irgendjemandem zu nahe zu treten oder darum, diese Gemeinde zu verunglimpfen – es handelt sich übrigens um meine eigene Gemeinde und die Geschichte geht auch noch gut aus, worauf ich gleich noch einmal zu sprechen komme. Es geht mir an dieser Stelle nur um die Wahrnehmung, dass sich in unserer Gesellschaft und Kirche gegenüber den 1970er und 1980er Jahres doch einiges gewandelt hat. Schon Anfang der 1990er Jahre war der „Boom“ der Partnerschaften, wenn man denn davon sprechen konnte, vorbei. Es zog eine gewisse Nüchternheit, es erschienen Untersuchungen, die auf eine nüchterne Bilanzierung ein. Missionswerke, die – nach anfänglichen Spannungen, die es zumindest in einigen Regionen Deutschland zwischen Missionswerken und Partnerschaftsgruppen gab – die kirchlichen Partnerschaften begleiten, berichteten schon Anfang der 1990er Jahre, dass es immer schwieriger werde, die vielen Anfragen aus dem Süden nach Möglichkeiten einer Partnerschaft mit einer Gemeinde in Deutschland, zu befriedigen. Und dann begannen auf allen Ebenen der Kirche die Struktur- und Finanzdiskussionen, die uns in Atem halten und auch wirklich schwierig sind. Stellen müssen abgebaut werden, die Jugenddiakonin muss über einen Trägerkreis finanziert werden, man fragt sich, wie der Kindergarten angesichts der angespannten Haushaltslage weiter geführt werden kann. Hinzu kommt, dass die Probleme der Dritten Welt nicht so einfach zu lösen sind, sich eine allgemeine Skepsis gegenüber Entwicklungshilfe ausbreitete und man trotz – oder gerade wegen – der Rede von der Globalisierung das Gefühl bekam, dass die Herausforderungen vor unserer eigenen Haustür enorm gewachsen sind und unsere Aufmerksamkeit vollkommen zu absorbieren scheinen. Das „Missionsland Deutschland“ ist uns in den letzten Jahren deutlicher vor Augen getreten; dies und der nötige Umbau unserer Kirche bindet offenbar so viel Kraft, dass die Entwicklung von Partnerschaften mit Christen und Christinnen in anderen Ländern nicht mehr viel Energie übrig bleibt.

Ist damit die Zeit der ökumenischen Partnerschaften vorbei? Ganz bestimmt nicht, denn es wäre – gerade im Zeitalter der Globalisierung – absurd, so zu denken. Mehr noch: Es würde dem Wesen der Kirche widersprechen, wenn wir uns ganz und ausschließlich auf uns selbst zurückzögen. Auch die Gemeinde in Hamburg-Schnelsen hat dies nicht getan: Obwohl sie große finanzielle und strukturelle Probleme hat, hat sie doch eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Argentinien begonnen, die die Gemeinde – wie es auch immer wieder die Erfahrung von anderen Gemeinden war – mobilisiert hat und von der die Gemeinde dadurch wieder etwas zurückbekommt. 2. Der Ökumene ein Gesicht geben - Partnerschaften gestalten

Die Besinnung auf die historischen Kontexte, in denen die Partnerschaftsthematik in unseren Kirchen in unterschiedlicher Weise virulent geworden war, bildet den Hintergrund für fünf relevante Aspekte zur Partnerschaftsthematik, die ich jetzt in einem zweiten Schritt benennen möchte. Diese Aspekte wollen Merkposten sein – oder, im Bild einer Pilgerreise gesprochen, die ökumenische Partnerschaft in der Regel darstellt: sie sind Wegweiser auf der Reise, deuten Schneisen an, durch die man sich selbst den Weg weiter suchen kann oder führen auf Lichtungen, auf denen man sich einmal umsehen und auf der partnerschaftlichen Reise miteinander nachdenken, aber auch feiern kann.

1. Partnerschaften als Ausdruck ökumenischer Existenz

Was mit dem Gedanken der Partnerschaft ausgedrückt werden soll, gehört mit zur Beschreibung des Wesens der Kirche. Kirche lebt und aktualisiert sich lokal in der Versammlung der Gemeinde, aber sie ist auch die weltweit existierende christliche – oder: katholische, aber nicht römische – Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen. Für die Kirche konstitutiv ist deshalb die lokale Dimension, die Versammlung um Wort und Sakrament, ihr Zeugnis und Dienst im Lokalen, zugleich aber auch die Gliedschaft am Leib Christi, der die ganze bewohnte Welt, die „Ökumene“, umspannt. Zugespitzt formuliert: Die lokale Kirche steht in Partnerschaft mit Christen und Christinnen in anderen Teilen der Welt – ich nenne dies die ökumenische Dimension der Kirche - oder sie ist nicht wirklich die Kirche Jesu Christi, des Herrn der ganzen Welt, der Menschen aus allen Völkern und Nationen zur Gemeinsam seines Leibes verbunden hat.

Partnerschaften mit Christen und Christinnen aus anderen Teilen der Welt sind dann als Ausdruck der ökumenischen Existenz zu verstehen, in der die Kirche zu leben berufen ist. Partnerschaften sind Aneignung der Ökumene auf Gemeindeebene. In der Partnerschaft mit Christen in anderen Ländern kommt der Gemeinde exemplarisch zum Bewusstsein, dass der Glaube eine weltweite Dimension hat und dass Christen aus verschiedenen Regionen der Welt einander als Partner, als Brüder und Schwestern begegnen und bereichern können. Partnerschaften geben der weltweiten Ökumene an der Basis der Gemeinde und im Kirchenkreis ein konkretes Gesicht und zeigen zugleich, dass Christen aus verschiedenen Kontinenten aufeinander angewiesen sind. Partnerschaften erinnern daran, dass die Fülle des Leibes Christi nur in ihrer weltweiten Ausprägung wahrgenommen werden kann.

Gehört diese ökumenische Dimension aber zum Wesen der Kirche, so sind ökumenische Partnerschaften kein Luxus, den man sich zwar in den „fetten Jahren“ leisten konnte, jetzt aber wieder zurückfahren muss. Ökumenische Partnerschaften sind signalisieren ein Profil der Kirche als weltumspannender Gemeinschaft.

Gerade wenn man dies anerkennt, muss man aber auch hinzufügen, dass den Partnerschaften, die bisher oft nur von einer kleinen Gruppe in der Gemeinde getragen worden sind, eine große Aufgabe und Verantwortung zukommt. In den Worten von Lothar Bauerochse, der im letzten Jahr noch einmal einen Aufsatz über „Mission und Partnerschaft“ vorgelegt hat und dabei auf neuere Entwicklungen eingegangen ist:

„Den Partnerschaften kommt… die Aufgabe zu, auch unter dem größer werdenden finanziellen Druck und gegenüber der wachsenden Unlust in der Bevölkerung, für die Wahrheit einzutreten, dass wir nicht ohne die Anderen Kirche sein können. Partnerschaften können das ökumenische Bewusstsein, die ökumenische Existenz in Kirche und Gemeinde lebendig halten. Partnerschaften sind vielleicht mittelfristig die einzigen Agenten für die ökumenische Weite der Kirche. Und das nicht nur, indem sie dafür eintreten, dass etwa die kirchlichen Mittel für Entwicklungsarbeit nicht übermäßig oder überproportional gekürzt werden. Das auch! Mindestens genauso wichtig aber ist es, dass Partnerschaften in den kommenden Jahren dafür eintreten, dass Kirchen und Gemeinden sich nicht in immer stärkerem Maße nur noch um sich selbst drehen. Partnerschaften können damit eine neue gesamtkirchliche Verantwortung übernehmen, stärker als sie das bisher getan haben.“


2. Partnerschaft als Koinonia/Gemeinschaft

Fragen kann man, ob der Begriff der Partnerschaft der angemessene Terminus ist, um die angesprochene weltweite, ökumenische Dimension der Kirche zum Ausdruck und auf den Punkt zu bringen. Auf der einen Seite schien dieser Begriff mit seiner emanzipatorischen Note durchaus geeignet, etwas Wesentliches zum Ausdruck zu bringen: Der im Partnerschaftsbegriff inhärente Gedanke der Eigenständigkeit und Gleichheit der Partner und damit verbunden zugleich ihr Aufeinanderangewiesensein in respektvoller Wechselseitigkeit, war ein kritisch-konstruktives Korrektiv gegenüber asymmetrischen Beziehungsmustern in der weltmissionarischen Zusammenarbeit. Der Begriff Partnerschaft setzte sich in den 1970er Jahren gegen den Begriff der „Patenschaft“ durch, der zu paternalistisch erschien, aber auch heute noch in manchen Kreisen Verwendung findet.

Auf der anderen Seite ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass der moderne Begriff der Partnerschaft auch nicht unproblematisch ist. Zum einen kann die Rede von Partnerschaft doch auch subtile Asymmetrien und Machtverhältnisse verschleiern und gerade so gerade nicht einen Beitrag zu einer offenen Auseinandersetzung über ungerechte Strukturen leisten. Der Ursprung des Begriffs in der Sprache der britischen Kolonialtheorien, die den Begriff der Partnerschaft zu einem Zeitpunkt als Hinweis auf neues Modell der Beziehung von Kolonialregierung und einheimischer Bevölkerung einführte, als die Kolonialherrschaft weg zu brechen drohte, sollte in der Tat skeptisch gegenüber diesem Begriff machen. Und wie gesehen, hat es auch in der Diskussion um Beziehungen in Mission und kirchlichem Weltdienst Friktionen gegeben, die die Rede von Partnerschaft als „Mogelpackung“ erscheinen ließ. Weiter wurde darauf hingewiesen, dass der Begriff in manchen afrikanischen oder asiatischen Sprachen Konnotationen haben konnte, die gerade – etwa in der Rede von Senior- und Juniorpartnern – unerwünschte Nebenwirkungen mit sich brachte. Vor allem aber wurde darauf hinwiesen, dass dieser Terminus eher aus der säkularen Sprache stammt und nicht den sehr viel tiefer gehenden Sinn und vollen Klang etwa der biblischen Familienterminologie – „Brüder“ und „Schwestern“ – oder des biblischen Begriffes der „Gemeinschaft“ (koinonia) transportiert.

Man wird an dieser Stelle notieren müssen, dass alle Bemühungen zu einer anderen Terminologie zu kommen, sich nicht durchsetzen konnten. Es ist deshalb nicht wirklich sinnvoll, den Partnerschaftsbegriff durch einen anderen Begriff ersetzen zu wollen; die Terminologie hat sich, angewendet auf Nord-Süd- und auch Ost-West-Partnerschaften etabliert und sollte deshalb auch kritisch-konstruktiv bejaht werden. Auf der anderen Seite ist es aber doch notwendig, „dass Partnerschaften von Gemeinden und Kirchenkreisen als zwischenkirchliche Beziehungen theologisch und ekklesiololgisch qualifiziert werden, insofern sie Ausdruck für die Ökumenizität von Kirche sind.“ Der Gedanke der Geschwisterschaft, vor allem aber das Nachdenken über die Bedeutung der wechselseitigen Verbundenheit in der „Gemeinschaft“ im Leibe Christi, das sowohl die Reflexionen des ÖRK als auch des Lutherischen Weltbund (LWB) bestimmt haben, bieten wichtige Orientierungen für eine spezifisch theologisch-kirchliche Explikation der Partnerschaft. Der Hinweis auf die „Koinonia“ als die Gemeinschaft der Gläubigen mit Jesus Christus führt ins Zentrum des christlichen Glaubens; die Teilhabe der Menschen am „Leibe Christi“, die ihnen in Taufe und Eucharistie vermittelt wird, schließt die Glaubenden zum Leib Christi zusammen. Koinonia als die gemeinsame Anteilhabe an Jesus Christus, der sein Leben mit den Menschen bis zur Selbstaufgabe geteilt hat, äußert sich im wechselseitigem Anteilgeben und Anteilnehmen der Christen und in spezifischer Fürsorge füreinander, insbesondere für die Schwachen. In der Erinnerung an diese geistliche Basis der Partnerschaft, die immer wieder im Gottesdienst und vor allem in der Eucharistie vergegenwärtigt werden sollte, wird bewusst gehalten, dass die ökumenische Partnerschaft noch etwas anderes ist als menschliche Solidarität.

3. Ökumenische Partnerschaften leben vom Geben und Nehmen

Partnerschaft, gerade wenn es in einem tiefen theologischen Sinn als Ausdruck der Koinonia im Leibe Christi verstanden wird, hat immer zu tun mit einem Geben und Nehmen. Es darf nie so sein, dass ein Partner nur gibt und der andere nur empfängt, sondern Partnerschaft lebt von der Wechselseitigkeit, der Reziprozität, der gemeinsamen Verantwortung füreinander.

In der Analyse und Evaluierung von Partnerschaften ist immer wieder deutlich geworden, dass Partnerschaften oft doch noch ein deutliches Machtgefälle von Norden nach Süd aufweisen und kolonialistisch-paternalistische Verhaltensweisen z. T. auf sehr subtile Weise fortgeschrieben werden. Das Helfersyndrom, das sich dabei zeigt, ist durchaus gut gemeint und bleibt vielfach unbewusst. Aber es zeigt sich doch immer wieder, dass die Rolle des oft raschen und wenig überlegten und der lokalen Situation bei den Partnern gar nicht wirklich angemessenen Geldtransfers alles andere als unproblematisch ist.

Man sollte sich bewusst sein, dass das „Projekt“ – in Hannover-Marienwerder war es ein Pfarrhaus, in Hamburg-Schnelsen ein Kindergarten -, für das eine Gemeinde sammelt, oftmals durchaus das Moment ist, das eine Gemeinde für eine Partnerschaft mobilisiert. Eine Partnerschaft, so immer wieder die Erfahrung, kommt erst dann in Schwung, wenn es konkret wird und die Gemeindeglieder das Gefühl haben, an einer Stelle wirklich wirksam und sichtbar beteiligt zu sein. Das „100 Kapellen“-Projekt, das die Braunschweiger Landeskirche in Südindien hat und bei dem es darum geht, im Rahmen von Partnerschaften Gelder für 100 Kapellen zu sammeln, begeisterte Gemeinden, und ebenso geschieht dies durch den Bau von Kirchen, das Bohren von Brunnen, die Unterstützung für einen Kindergarten, für eine Straßenkinderarbeit, für die Versorgung von Aids-Waisen oder ähnliches. Man wird solche Konkretionen der Partnerschaft – sozusagen materielle Manifestationen der Fürsorge oder Solidarität – nicht diskreditieren dürfen. Aber man wird doch auch immer wieder darauf hinweisen müssen, dass man über Projekte sehr gründlich und nüchtern nachdenken sollte, um nicht in die Falle eines kolonialen Gehabes zu laufen und durch einen unkontrollierten Geldfluss mehr Schaden anzurichten als Gutes zu tun – zum Beispiel Neid in den anderen Gemeinden einer afrikanischen Kirche zu wecken, die keinen solchen Zugang zu den „Fleischtöpfen“ der Partnerschaft haben.

An dieser Stelle kann nicht weiter über Probleme des Geldtransfers und der Projektplanung gesprochen werden. Erinnern möchte ich aber in diesem Zusammenhang daran, dass Partnerschaft weit mehr ist als das Engagement für Projekte, für die man Geld sammelt. Partnerschaft kann sich äußern in der Bewährung von konkreter Solidarität, in Besuchen, im Beistand in Situationen, in denen Menschen – Christen und Nichtchristen – auf Zeichen der Verbundenheit und der Bestärkung angewiesen sind. Südafrika zur Zeit der Apartheid war ein Beispiel, bei dem gerade die Partnerschaftsarbeit Zeichen der Verbundenheit und Solidarität setzte.

Aber zur Partnerschaft gehört nicht nur die Bewährung von Solidarität, sondern auch die Bereitschaft, etwas zu empfangen. Partnerschaftsgruppen berichten dabei durchaus von der Bereicherung, die man durch die Begegnung mit der fröhlichen und so selbstbewussten Frömmigkeit in afrikanischen Gemeinden erfährt, von neuen Liedern, Impulse für die Gestaltung des Gottesdienstes, und der Faszination, die man in einem Kontext erfährt, in dem der Glaube offenbar noch jung und frisch ist. Zum Empfangen in einer Partnerschaft gehört aber auch eine gewisse Sensibilität, das Hören auf die Zwischentöne, die Bereitschaft, sich von anderen, den Fremden, in Frage stellen zu lassen – im Blick auf Frömmigkeit, Bereitschaft zu mutigem Zeugnis in meiner eigenen Gesellschaft, im Blick auf die Glaubwürdigkeit meines Glaubens oder die Weise unseres Gemeindelebens. Zum Empfangen und Nehmen in Partnerschaften gehört der Wille, mit den Augen der anderen auf mich selbst, meinen Kontext, meine Lebensumstände zu schauen, ihre Anfragen aufzunehmen und mich damit auseinander zu setzen. Was wir empfangen in der Begegnung mit Christen im Süden ist nicht immer auf den ersten Blick als Bereicherung zu erkennen, sondern es kann auch Irritationen auslösen und Stacheln in unser Fleisch setzen. Was die Armut in den Ländern des Südens mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat, ist eine Frage, die Menschen umtreiben kann, wenn sie von einer Partnerschaftsreise aus Indien zurückkommen.

4. Partnerschaften leben von thematischer Auseinandersetzung

Untersuchungen zur Partnerschaftsarbeit haben immer wieder darauf hingewiesen, dass man in Partnerschaftskreisen oft wenig über Sinn und Zweck oder auch die Ziele der Partnerschaft nachdenkt. Partnerschaftliche Begegnungen sind vielfach als Selbstzweck gesehen worden, ohne dass man über eine inhaltliche Gestaltung oder über gemeinsame Aufgaben Klarheit verschafft hätte. Aber bleiben Partnerschaften „inhaltsleer“, so entsteht ein Vakuum. Blendet man eine thematische Beschäftigung und die Frage nach Aufgaben für die gemeinsame Partnerschaft aus, werden die „Durststrecken“, die es in jeder ökumenischen Partnerschaft immer wieder einmal als Folge ausbleibender Briefe, Unterbrechungen der Kommunikation oder auch durch den Wechsel verantwortlicher Personen gibt, zu einem großen Problem. Oder die Orientierung an den Projekten und am Geldtransfer und dessen korrekter Abwicklung – bis hin zur Beibringung der Belege für Ausgaben – wird zum zentralen Fokus in der Partnerschaft.

Partnerschaften leben aber ganz entscheidend von der thematischen Arbeit, der man sich zuwendet und in deren Rahmen man einander besser kennen und verstehen lernt und auch der Aufgaben, die man dann daraus ableitet. In Whitby sprach man vom der „Partnerschaft im Gehorsam“, womit das ganz konkrete Anliegen der Evangelisierung der Welt gemeint war, bei der Christen im Süden und Norden zusammenwirken sollten. Was sind heute die Aufgaben, die man sich im Rahmen der Partnerschaften stellt? Was sind die Themen, die man miteinander bearbeitet?

Beispiele für solche Themen sind etwa die Auseinandersetzung mit der Verschuldung in einem Land und die Analyse der Ursachen dafür sowie die Planung gemeinsamer Aktionen dazu, die Auseinandersetzung mit der Situation im Blick auf HIV/Aids und einer gemeinsamen Lobby-Arbeit dafür, eine Beschäftigung mit der Rolle der Kirche – oder auch etwas eingeschränkter: der Diakonie, des Bildungsauftrages der Kirche, der Mission – in den Kontexten der betreffenden Länder. Zahlreiche Themen – wie etwa auch eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau oder die Beschäftigung mit Sexualität oder ein Vergleich der Leitungsstrukturen hier und dort – sind außerordentlich konfliktträchtig. Aber gerade diese Themen, zu denen es z. T. sehr unterschiedliche, kulturell geprägte Sichtweisen, gibt, sollten weder aus den Gesprächen ausgeklammert noch in unsensibler Weise angegangen werden. Wenn eine Partnerschaft wirklich Relevanz für alle Beteiligten gewinnen soll, ist das kritisch-konstruktive Gespräch zu solchen Themen unbedingt – in guter Weise vorbereitet – zu suchen.

5. Ökumenische Partnerschaften als Lerngemeinschaften

Diese Bemerkungen leiten schon über zum letzten Aspekt, mit dem ich das Gesagte zusammenfassen möchte. Ökumenische Partnerschaften können Ansatzpunkte sein, an denen die Kirche sich als Lerngemeinschaft versteht und wahrnimmt und Prozesse wechselseitigen Lernens auch bewusst zu gestalten sucht.

Der Begriff der „Kirche als Lerngemeinschaft“, der wichtige Impulse aus den evangelischen Kirchen der DDR empfangen hat, oder die Bezeichnung der Kirche als „Gemeinschaft der Lernenden“, die Philipp Potter auf der Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 gebraucht hatte, haben - ebenso wie der Gedanke des „ökumenischen Lernens“ - eine lange Geschichte, die hier nicht nachgezeichnet werden kann. Wichtig ist aber hier die Feststellung, dass es nicht einfach um Lernen als Wissensvermittlung geht, sondern um ein existenzielles Lernen, das aus der – bereichernden, aber auch irritierend-herausfordernden - Begegnung mit den Fremden und der Reflexion darüber herrührt. Ökumenisches Lernen geschieht dann, wenn die Begegnung mit den Anderen zu konkreten Lernprozessen führt, in deren Verlauf die Welt – die eigene und die fremde Welt – - in neuem Licht gesehen wird und sich zudem bei den am Lernprozess Beteiligten konkrete Verhaltensänderungen einstellen.

Fragt man nach den spezifischen Lernfeldern, in denen ökumenische Partnerschaften für und mit der ganzen Gemeinde und ihrer Kirche konkrete Lernerfahrungen machen, so lassen sich drei Dimensionen unterscheiden:

1) Beim interkulturellen Lernen geht es um „die Reflexion der Erfahrungen von Fremdheit und kultureller Verschiedenheit, von gelingender und misslingender Kommunikation“; „beabsichtigt (ist) die Erkenntnis eigener kultureller Bedingtheit sowie das Verstehen des Fremden.“ Was die Begegnung mit einer fremden Kultur bei uns auslöst – der berühmte „Kulturschock“ -, welche Bilder vom Fremden und von uns selbst in der Begegnung entstehen oder auch schon in die Begegnung mit hineingebracht werden und dann dort durcheinander geraten – die Erkenntnis der kulturellen Bedingtheit, des Eurozentrismus oder dessen, was Karl Barth einmal „den blöden Hochmut des weißen Mannes“ genannt ist -, ist Gegenstand interkulturellen Lernens. Wie gesagt, dieses Lernen stellt sich nicht einfach von selbst ein, wie manche Ahnungslose denken, sondern solche Lernprozesse müssen geplant und gestaltet werden.

2) „Das Konzept des entwicklungspolitischen Lernens zielt auf die Verarbeitung der Konfrontation mit dem Arm-Reich-Gefälle in den Partnerschaften und in den Nord-Süd-Beziehungen sowie der Erfahrungen mit der Projekthilfe.“ Ein Lernerfolg kann dabei durchaus sein, wirtschaftliche Zusammenhänge besser zu verstehen, Abhängigkeiten zu erkennen, den Wirtschaftsteil der Zeitung künftig mit den Augen der Partner zu lesen. Entwicklungspolitisches Lernen wird auch die Frage zu stellen haben, was sich bei uns in Deutschland strukturell ändern muss, damit es Menschen in Afrika besser geht. Wer aber solche Fragen aufnimmt und stellt, wird bald merken, dass kritischen Rückfragen im Blick auf einen einfachen Lebensstil oder der Option für die Armen und der Parteilichkeit für die Schwachen schnell an die Grenzen volkskirchlicher Realität stoßen. Entwicklungspolitisches Lernen würde aber hier nicht verzweifeln, sondern gerade dann nach kreativen, konkreten Schritten eines eigenen Engagements suchen, das andere mitreißen könnte.

3) Beim ökumenischen Lernen im engeren Sinne geht es um das, was Ernst Lange die „Einübung in den ökumenischen Welthorizont“ genannt und als „Befreiung des christlichen Gewissens aus der parochialen Begrenzung“ eingefordert hat. In diesem Lernfeld geht es demnach explizit um die Aufmerksamkeit für und Reflexion von Erfahrungen im kirchlich-theologischen Umfeld, d. h. um die Auseinandersetzung mit den eigenen und fremden Glaubenserfahrungen, die in der Begegnung thematisiert werden und einer Beschäftigung mit dem Verständnis von Kirche, das hier und dort vorherrscht und das das jeweils andere Verständnis herausfordern und verändern kann. Noch präziser gesagt geht es – entsprechend den drei Strängen der ökumenischen Bewegung, der Bewegung für kirchliche Einheit, der Bewegung für Mission und der Bewegung für Praktisches Christentum – erstens um ein Lernen im Blick auf Fragen der Kirche, der kirchlichen Einheit und der kirchlichen Erneuerung, zweitens um Impulse im Blick auf das missionarische Zeugnis der Christen in ihrer Zeit und an ihrem Ort, und drittens um Lernprozesse im Blick auf das Engagement von Christen gegen Ungerechtigkeit, Armut und Unterdrückung. Ökumenisches Lernen, so wird hier deutlich, hat selbstverständlich damit zu tun, den Anderen zu verstehen zu suchen, aber auch – und vor allem – sich selbst neu zu entdecken und neu zu verstehen. In den Worten der Studie der EKD zum ökumenischen Lernen aus dem Jahre 1985: „Die Begegnung mit Christen anderer Frömmigkeit und Theologie, anderer Traditionen und Prägungen führt zunächst zu der Frage: Welcher Lebensort bestimmt uns selbst? Wo liegen unsere eigenen Gaben und die eigenen Grenzen? Wo können wir dazu beitragen, dass das Zeugnis des Glaubens glaubwürdig weitergesagt und gelebt wird?“

Mit anderen Worten: Ökumenisches Lernen, zu denen ökumenische Partnerschaft uns verhelfen möchten, ist nichts anderes als ein Beitrag zur Erneuerung der Kirche. Dass die ökumenischen Partnerschaften diese anspruchsvolle Rolle, hinter der sie oft zurückbleiben, wirklich spielen können, ist nicht zuletzt unser aller Verantwortung. Ökumenische Partnerschaften sollten gefördert, gestärkt, kultiviert und fachlich begleitet werden – nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Ökumenizität unserer Kirche sichtbaren und konkreten, lebensvollen und basisnahen Ausdruck zu geben und Partnerschaft mit Christen und Christinnen in anderen Teilen der Welt zu leben.




Hamburg, den 13. Oktober 2004



Pfarrer Dr. Klaus Schäfer ist Grundsatzreferent im Evangelisches Missionswerk in Deutschland (EMW) in Hamburg




 
Evangelisches Missionswerk Deutschland
Home
Aus dem EMW
Publikationen
Meldungen
Downloads & Dokus
Bibliothek