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Dokumentation im Detail

30.09.2003

Gemeinsame Erklärung der 5. Deutsch-Japanischen Kirchenkonsultation

Thema der Konsultation "Auf der Suche nach Spiritualität" - Delegierte des Nationalen Christenrats in Japan (NCCJ) und Delegierte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und des Evangelischen Missionswerks in Deutschland (EMW) trafen sich in Japan

Die 5. Deutsch-Japanische Kirchenkonsultation des NCCJ und der EKD/EMW veröffentlichte am Ende der Tagung folgene Erklärung:

"Die evangelischen Kirchen Deutschlands und Japans müssen ihren spirituellen Reichtum neu entdecken und neue Formen entfalten. So gewinnen sie in einer multireligiösen Gesellschaft ein einladendes Profil." Das fordert die 5. Deutsch-Japanische Kirchenkonsultation zum Thema "Auf der Suche nach Spiritualität".

Vom 16.-20.09.2003 trafen sich in Ranzan, Japan, Vertreter und Vertreterinnen des Nationalen Christenrats in Japan (NCCJ) und Delegierte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und des Evangelischen Missionswerks in Deutschland (EMW).

Sie konnten dabei auf die Ergebnisse der 4. Konsultation vor zehn Jahren in Leipzig zurückgreifen. Mit dem Thema "Der Auftrag der Kirche in einer sich verändernden Welt" übernahmen damals die beiden Kirchen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ihren Teil der Verantwortung für eine weltweite gerechte Wirtschaftsordnung in der ökumenischen Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung des Schöpfung.

Seit der letzten Konsultation in Deutschland haben sich die Verhältnisse in beiden Ländern erheblich verändert. Die Schattenseiten der Globalisierung sind deutlicher hervorgetreten. Die Asienkrise 1997 und die andauernde wirtschaftliche Rezession in Japan und Deutschland haben die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert. Viele Menschen haben heute weniger Hoffnung als vor 10 Jahren, dass in Zukunft ihre Lebensverhältnisse in ausreichendem Maß gesichert sein werden.

Die Hoffnung auf eine friedlichere Welt nach Jahren der militärischen Entspannung zwischen Ost und West haben sich nicht verwirklicht. Weltweit vernetzte Terrororganisationen bedrohen die Zivilbevölkerung. Die entsetzlichen Erfahrungen des Giftgas-Anschlags der Aum-Bewegung 1995, der 11. September 2001, die wachsende atomare Bedrohung sowie die mit konventionellen Waffen geführten Kriege in Asien und Europa bewiesen die Verletzlichkeit der Industrienationen.

In dieser Unsicherheit und angesichts der zunehmenden Attraktivität der östlichen klassischen und neuen Religionen haben sich die japanische und die deutsche Kirche "Auf der Suche nach Spiritualität" ihrem prophetischen Auftrag innerhalb der Gesellschaft zugewandt.

Identitätsvergewisserung ist das Anliegen der Kirchen in Japan angesichts erstarkender nationalistischer Strömungen. Einführung der Nationalhymne, das Tsukurukai-Geschichtsbuch, das die japanische Aggression während des pazifischen Weltkriegs als einen Befreiungskrieg von kolonialen Mächten schönfärbt oder die andauernde Auseinandersetzung um das bittere Schicksal der sog. Trostfrauen (Zwangsprostituierte), der Besuch des Ministerpräsidenten im Yasukuni-Schrein und die Notstands-Gesetzgebung für eine militärische Unterstützung im Irak und einer möglichen Konfrontation mit Nordkorea sind beunruhigende Zeichen.

Die Kirchen in Deutschland werden durch das zu distanzierte Verhältnis vieler Mitglieder zu ihrer Kirche sowie Kirchenaustritte in Frage gestellt. Den Kirchen gelingt es immer weniger, Jugendliche für ihre Botschaft zu interessieren. Millionen von Arbeitslosen und eine unerwartete Zahl von Insolvenzen erschüttern die soziale Stabilität, während ungeklärte Haltung in Fragen der Bioethik den zunehmenden Werteverlust innerhalb der Gesellschaft demonstrieren.

Verlauf:

Zunächst suchten die Teilnehmenden nach einem Verständnis der spirituellen Wirklichkeit außerhalb ihrer Kirchen. Sie fragten nach der Faszination der neuen Formen der Spiritualität in den Neureligionen oder den diversen Ausprägungen einer "Patchwork-Religiosität".

Sowohl im Japanischen als auch im Deutschen ist Spiritualität ein schillernder Begriff, der ganz unterschiedliche Phänomene und Traditionen bezeichnet. Mindestens ein außerkirchli-cher und ein innenkirchlicher Begriff sind zu unterscheiden. Aber auch zwischen den Kirchen von West und Ost bzw. zwischen manchen älteren und jüngeren Delegierten zeigten sich tiefe Unterschiede, was ein neuer kirchlicher Begriff von Spiritualität beinhalten sollte.

Seitens der deutschen Delegation wurde ein Verständnis von Spiritualität vorgeschlagen, das auch anschlussfähig ist für Formen außerchristlicher Spiritualität. Kirche wird einladend, wenn sie sich auf neue Formen der Spiritualität einlässt und gleichzeitig aus den reichen Quellen spiritueller Formen der Kirchengeschichte schöpft und diese mit neuem Leben füllt.

Auf japanischer Seite wurde stärker betont, dass die neuen spirituellen Bewegungen außerhalb der Kirche zwar viel Aufmerksamkeit erhalten, meist jedoch nicht das Prädikat echter Spiritualität verdient. Für sie kennzeichnet echte Spiritualität das Erleben von Trauer, Schmerz oder Schwere. Echte Spiritualität kann erst aus der Erfahrung einer Krise entspringen und in der Bewältigung von Leidenserfahrungen entstehen.

Einig war man sich, dass wahrhaftige Spiritualität kein Instrument zur Selbstentfaltung des narzisstischen Individuums ist, dass sie vielmehr zum diakonischen Engagement befähigt. Echte Spiritualität führt zur Gemeinschaft hin, nicht von ihr weg. Dabei sind Gottesliebe und Nächstenliebe, Spiritualität und diakonisches Handeln gleichwertig (Lk 10,27), das diakonische Handeln aber nicht die Konkretion der Gottesliebe, sondern deren Konsequenz.

In vier Bereichen wurde die Erfahrung der Spiritualität beschrieben:

1) Soziale Themen und Spiritualität

Diakonisches Engagement und Spiritualität gehören zusammen. Welche Spiritualität aber entwickelt sich aus und in der diakonischen Praxis? Die diakonische Aktion kann für sich stehen. Spiritualität liegt schon darin, dem Anderen Respekt zu geben, um ihm/ihr neue Lebensmöglichkeiten aufzuzeigen, die sie/ihn zum Subjekt machen. Eine Diakonie des Zuhörens und eine Sprache der Achtsamkeit bringen soziale Nöte und Spiritualität zusammen.

2) Jugend und Spiritualität

Bei vielen Jugendlichen ist ein besonderes Bedürfnis nach Heilung und Identitätstabilisierung zu spüren. Die wenigsten suchen dieses im Gottesdienst oder im Engagement einer Kirchengemeinde. Sie neigen eher zur Patchwork-Religiösität und öffnen sich neuen spirituellen Angeboten aller Couleurs. Die Kirchen könnten hier an Profil gewinnen, wenn sie die Rechtfertigungsbotschaft weniger in forensischen Begriffen als vielmehr in therapeutischer Sprache auszudrücken lernen und den biblischen Zusammenhang von Heil und Heilung neu ernst zunehmen versuchen.

3) Spiritualität der Minderheiten in der Gesellschaft und der Kirche als Minderheit

Dass, wie in Japan, die Kirche eine Minderheit ist, ist oft schmerzhaft. Diese Situation kann aber auf der Suche nach Spiritualität als Chance begriffen werden, wenn sie in eine neue Abhängigkeit von Gott führt und den Blick auf das Evangelium freimacht. Diskriminierte Minderheiten wie z.B. die Burakumin in Japan oder die Sinti und Roma in Deutschland entwickeln in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung oft eine beeindruckende und erfrischende Spiritualität, die Kraft für ihr Engagement gibt.

4) Spiritualität und Widerstand

Vor allem die japanische Situation nach dem Irakkrieg und der Notstandgesetzgebung warf die Frage nach einer Spiritualität des Widerstandes auf. Sie ist ganz allgemein dort gefordert, wo die Menschenwürde verletzt wird. Ein konkretes Handlungsbeispiel für sie ist die Dekade zur Überwindung von Gewalt des Weltkirchenrates. Im konkreten Fall der Notstandsgesetze in Japan baten die japanischen Delegierten die Geschwister in Deutschland, einen Protestbrief an die japanischen Kirchen bzw. die japanische Regierung zu schreiben.

Wege zur Spiritualität

Die Delegierten der Konsultation haben sich mit den verschiedenen Aspekten praktizierter Spiritualität und ihrer Reflexion in Theologie, Religions- und Gesellschaftswissenschaften auseinandergesetzt. Dabei traten unterschiedliche Traditionen im Spiritualitätsverständnis hervor. Diese Unterschiede wurden schon in der Schwierigkeit deutlich, die Begriffe in die jeweils andere Sprache zu übersetzen. Sie reichten aber über Begriffsfragen und rationale Erläuterungen weit hinaus bis tief in das je eigene Glaubens- und Frömmigkeitsverständnis. Unterschiedliche Strukturen der Kirchen und ihrer Organisationen, ihre Stellungen und Funktionen in den jeweiligen Gesellschaften und nicht zuletzt die Unterschiede in Kultur und Sprache erwiesen sich im Verlauf der Konsultation als zusätzlich erschwerende Faktoren.

Das fruchtbarste Ergebnis der Konsultation ist vielleicht gerade die durch die Reibung dieser verschiedenen Vorstellungen angestoßene eigene Infragestellung und ein vertieftes Verstehen. Diese tiefen kulturellen Unterschiede in immer neuen Suchbewegungen wahrzunehmen, ist kein Prozess mit einfach zu formulierenden Ergebnissen. Solche Horizonterweiterung geschieht langsam, ist aber ungemein bereichernd. Das gewählte Thema "Suche nach Spiritualität" erfuhr eine vertiefte Bestätigung. Erst aus der vorbehaltlosen Wahrnehmung anderer Kulturen und ihrer spirituellen Ausdrucksformen erwachsen Achtung und Verständnis des jeweils anderen.

Die Konsultation versuchte ein vertieftes Verständnis von Spiritualität in der Kirche zu entwickeln, damit Christen überzeugende gelebte Antworten geben können. Die sich daraus ergebende konkreten Folgerungen für die weitere Zusammenarbeit zwischen den Kirchen des NCCJ und der EKD/des EMW wurden an die jeweiligen Ausschüsse verwiesen. Dabei sollte in besonderer Weise die zukünftige Form des Austausches ökumenischer Mitarbeiter/innen, die theologische Ausbildung, Jugendbegegnungen und die Formen von Konsultationen erneut bedacht werden.

Durch das Zeugnis der Heiligen Schrift sehen wir uns bestätigt, dass bei Bereitschaft und Offenheit für Gottes guten Geist uns diese Gabe verheißen ist und zuteil werden wird. Mit dieser Zuversicht gehen wir in die kommenden Jahre bis zur nächsten Deutsch-Japanischen Kirchenkonsultation, um in unseren jeweiligen Ländern und Kirchen ermutigende Erfahrungen spirituellen Lebens zu machen - eine gute Basis und Perspektive für künftige Begegnungen.

Ranzan, den 20.09.2003

Generalsekretär des NCCJ H. Yamamoto - Bischöfin Delegationsleitung M. Jepsen




 
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